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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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entsprechen. Die Wirklichkeit wird zu einem Begriffsmosaik, dessen Teile durch Neben- oder Unterordnung auf einer Ebene (auch Kausalität ist eine Nebenordnung auf derselben Ebene) in bestimmten festen Verhältnissen zueinander stehen und eine systematische Einheit bilden. Diese prinzipielle Betonung des Begriffs, die in ihm nichts Vorläufiges, nicht einen bloßen Hinweis auf Wirkliches, sondern das Wirkliche selber sieht, führte im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem Begriffsdogmatismus, der dem Dogmatismus der vorkantischen Metaphysik nichts nachgibt. Man vergißt zu leicht, daß die Philosophie dem Denken keine Gesetze geben, sondern daß sie nur den Ort der Denkgesetze nachweisen kann. Die verschiedenen Richtungen der Erkenntnistheorie unterscheiden sich nur dadurch, daß sie den Grund der Objektivität, die Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis, verschieden lokalisieren. Eine Erkenntnistheorie, die die Gesetzmäßigkeit in die Wirklichkeit verlegt, läßt sich rein theoretisch ebensogut durchführen wie die kantische, die die Gesetzmäßigkeit in die Spontaneität des Denkens verlegt. Ob man auf die eine oder auf die andere Weise vorgeht, hängt ab von der Einstellung zur Welt, die vor aller Erkenntnistheorie liegt. Ohne einen festen Punkt in der Flucht der Erscheinungen, ein Bleibendes im Vergänglichen, gibt es kein Denken. Aber der denkende Mensch hat seinen Grund auf verschiedene Weise: entweder er hat ihn, als ob er nicht hätte, oder er hat ihn nicht und tut so, als ob er hätte. Entweder ist es ein Glaube, oder es ist ein prinzipieller Anspruch, ein Postulat, eine Setzung des prinzipiellen Denkens. Die erste Einstellung ist die religiöse, die zweite die der Philosophie, das heißt der Bemühung, den Grund in absoluten Begriffen festzulegen. Sie will ihn nicht bloß im Sehen, sondern im Denken haben. Philosophie, selber ein Denken, kann aber aus Eigenem dem Menschen keinen Grund geben, sondern sie kann ihn nur postulieren, sei es in der Natur, sei es im Geist, und auf Grund des Postulates ein zwar systematisch geschlossenes, aber doch nur theoretisches, begriffliches Weltbild liefern: Wahrheit als Wirklichkeit. Solange sich Wahrheit als Wirklichkeit, ein Weltbild als Position darbietet, hat es scholastischen Charakter. In der Tat ist die Weltanschauung des 19. Jahrhunderts nichts anderes als eine säkularisierte Scholastik, ein System starrer Begriffe, die ihre Einheit jedoch nicht mehr wie die mittelalterliche Scholastik in einer göttlichen Weltordnung, sondern nur noch in der formalen Einheit des Logos haben. 142

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