Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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der reinen Vernunft erschöpft; alles weitere handelt nur von den „reinen" Formen der Anschauung, des Verstandes, der Vernunft, „in denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird". Der Empfindung entspricht die Fähigkeit der sinnlichen Rezeptivität, der Form die Spontaneität des Denkens. Was die Empfindung dem Denken, die Rezeptivität der Spontaneität gibt, kann nur ganz allgemein bezeichnet werden als „das Mannigfaltige". Was dem unverbundenen und ungeordneten Mannigfaltigen zugrunde liegt, ist „ein bloßes Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte". Es ist das unerkennbare Ding an sich. Was hierbei wichtig ist und was dieser Erkenntnistheorie ihren besonderen Charakter gibt, ist ihr Ansatzpunkt beim absolut Unerkennbaren. Hier ist der absolute Nullpunkt; die nächste Stufe ist das Unerkannte, die noch ungeordnete Mannigfaltigkeit, die immer noch ein Nichts ist. Dann erst kommt die Erkenntnis. Diese Verteilung läßt der Rezeptivität, die die erste und zweite Stufe verbindet, nichts und gibt der Spontaneität, die den Schritt von der zweiten zur dritten Stufe bildet, alles. Darin liegt eine große Gefahr. Sobald die besondere Sphäre des „reinen" erkenntnistheoretischen Denkens verlassen wird - und sie muß verlassen werden, denn „Gedanken ohne Inhalt sind leer" überträgt sich diese Verteilung auf das Verhältnis von Natur und Mensch. Die Natur als „Schöpfung", als geordnete Wirklichkeit - und wir können von Wirklichkeit nur als von einer geordneten Wirklichkeit sprechen geht verloren und die ganze Ordnung der Welt hat ihren Grund allein in der Spontaneität des menschlichen Intellekts. So heißt es auch bei Kant selber: „Die Ordnung und Regelmäßigkeit an den Erscheinungen, die wir Natur nennen, bringen wir selbst hinein, und würden sie auch nicht darin finden können, hätten wir sie nicht, oder die Natur unseres Gemüts ursprünglich hineingelegt." Kant begründete die Philosophie als kritische gegenüber der dogmatischen, doch ist an dieser Stelle seine „kopernikanische Wendung" mißglückt. Der Gedanke trug weiter als er gezielt war. Aus der kritischen Methode wurde der Kritizismus. Die Kritik als Methode versagte vor der Kritik als Prinzip. So verlor sie ihren negativen Charakter und erhielt ein positives Vorzeichen. Auch die Grenze, die die Kritik zog, bewies den Doppelcharakter, den jede Grenze hat, insofern sie zugleich Einschrän- 140