Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823784--0142-2824211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sehen und Denken Das Sehen liegt vor dem Denken. Das Denken flieht die Situation, aber es entflieht ihr nie ganz. Sein Anspruch auf Voraussetzungslosigkeit ist nicht realisierbar, es kann sich von dem Element der „Einstellung" nicht völlig reinigen. Der Gedanke steht nie für sich da, er hat keine isolierte Existenz, sondern trägt immer seinen Hintergrund mit sich. Das neunzehnte Jahrhundert, das an das voraussetzungslose Denken glaubte, wollte umgekehrt durch das Denken zu einer Einstellung kommen, und zwar zu einer allgemeingültigen, wissenschaftlichen. Das führte zur „Wissenschaftskrisis", die jedoch keine Krisis der Wissenschaft, sondern der prinzipiellen Betonung der Wissenschaft, des an die Wissenschaft gestellten Anspruches ist. Es ist die Krisis des prinzipiellen Denkens. Was mit prinzipiellem Denken gemeint ist, soll zunächst durch ein Beispiel erläutert werden. Wir wählen das Verhältnis von Sehen und Denken. Beide bilden, vom Sehen her, eine unlösbare Einheit. Wir können keine scharfe Grenze angeben und sagen: bis hierher reicht das Sehen und hier beginnt das Denken. Es gibt kein reines Sehen ohne Denken und gibt kein reines Denken ohne Sehen. Zwischen beiden besteht zwar ein Unterschied, aber kein Gegensatz, der das eine vom Bereich des andern ausschließt. Prinzipiell gesehen verschärft sich dagegen der Unterschied zur Antithese. Sehen und Denken kristallisieren zu Prinzipien, die jedes für sich Totalität beanspruchen und als Totalitäten einander ausschließen. In der Krisis des prinzipiellen Denkens kündigt sich dieselbe tiefgehende Wandlung an, von der vorhin schon die Rede war. Um die Wendung vorläufig zu bezeichnen, können wir sagen: eine Wendung vom philosophischen zum wissenschaftlichen Denken; von einem Denken von oben her zu einem Denken von unten her. Sie ergibt sich nicht aus der Lösung gewisser theoretischer Probleme, sondern bedeutet eine veränderte Einstellung zu ihnen. Daher läßt sie sich auch nicht ableiten, sondern nur aufdecken. Man kann etwa darauf hinweisen, daßm Kunst und Literatur die Bedeutung als autonome Provinzen des geistigen Lebens verloren haben, die sie vor dem Kriege besaßen. Das Interesse, das wir ihnen heute entgegenbringen, ist nicht bloß ein geringeres, sondern ein andersartiges. Uberall ist heute ein Verlangen nach „Wirklichkeit". Der Kultminister Becker spricht in seinem Vortrag vom Wesen der deutschen Universität vom „Sieg des positivistischen Denkens über das 136