Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 133)
- Language
- German
- Belongs to
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Der suchende Mensch will sich ja auch nicht in seinen Irrtümern stören lassen — und man darf ihm erst nahen, wenn er uns ruft, man muß wenigstens gewiß sein können, ihm willkommen zu sein. Deshalb tritt der Russe beiseite. Doch so, daß sich niemand an ihm stößt. Will man ihn durchaus in Reih und Glied stellen, so fügt er sich: denn er will auch dem keine Gewalt antun, der sie ihm gegenüber anruft. Der ewige Russe bleibt aber auch an der Stelle, die man ihm anwies, jenseits von ihr, ortlos und zeitlos wie immer: einfach wesenhaft. Er leiht sieh nur aus, er gibt sich nicht hin, er bleibt eine Welt für sich, in sieh lebendig, unabgrenzbar in ihren Möglichkeiten und wie jede Welt unmittelbar einmündend ins All. 9 Der ewige Russe bleibt immer und überall ein Anfang. Mit ihm kann die Schöpfung jeden Tag von neuem beginnen; freilich, der Schöpfung zweiter Akt, der einsetzt nach der Erschaffung des Menschen und nach der Entdeckung der Menschenseele und an dem nun der Mensch selber wesentlichen Anteil zu nehmen berufen ist. \\ as bis jetzt hier geschah, erwies sich zum mindesten überall da als Irrtum, wo der Mensch sich vermaß, von sich aus, ohne Mithilfe seines Schöpfers und somit ohne mit dem geistigen Wesen des Menschen zu rechnen, das Gemeinschaftsleben der Menschen zu ordnen, und das heißt, überall da, wo der Mensch Gewalt ausübte über den Menschen —und sie bedeutet immer eine Verneinung des Schöpfers, einen Frevel gegen Gott, und dieser Frevel kann gar nicht zur Ruhe kommen, bevor er zum Menschenmord führte. In ihm, der (scheinbaren) Vernichtung eines Gottesgeschöpfes, endete bisher noch jede Ratlosigkeit des Menschen, wenn er Gottes \\ erk übernehmen wollte. Das hat der einfache russische Mensch, der ewige Rus-e, der große Vordulder der Menschheit, dieser Welt, wenn sie nur sehen und hören will - und das würde ihr Ströme von Blut und Berge von Qualen ersparen — für immer bewiesen: nicht allein und auch nicht einmal wesentlich dadurch, daß noch jede Gewalt im Laufe der Jahrhunderte über ihn ausgeübt wurde, vielmehr dadurch, daß noch keine Gewalt im Laufe der Jahrhunderte ihn zur inneren Lntreue gegen sich selber, zum endgültigen Verzicht auf sein Erstgeburtsrecht zu bewegen vermochte. Daß der Mensch in der ganzen Fülle der am Tage seiner Erschaffung in ihn ge- 133