Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 132)
- Language
- German
- Belongs to
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in diese Welt, in der der Einzelne längst schon gar nichts mehr bedeutet, und die streitet, schilt, verleumdet und mordet um des materiellen Vorteils größerer oder kleinerer Gemeinschaften und um der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Formen des Gemeinschaftslebens wegen, kommt plötzlich ein Mensch hinein, ja eigentlich war er immer in ihr —sie sah ihn nur nicht —, er ward ihr nur plötzlich vor die Nase geschoben, und an ihm will man die vollkommene Gesellschaftsform ausprobieren als Endziel der Menschheit, als endgültigen Ersatz für freies Menschtum. Und nun erweist es sich auf einmal, daß gerade diesem russischen Menschen überhaupt nicht auf gesellschaftlich-staatlichem Wege beizukommen ist: noch so vernünftige und noch so bedingungslos aufgezwungene Ordnungen und Regelungen seines Zusammenlebens und -Wirkens werden für ihn einfach zu äußeren Rahmen, innerhalb deren er er selber bleibt, von denen er wesentlich gar nicht betroffen wird. So ist denn an diesem Menschen, der selber niemals Gewalt ausübt über seinesgleichen, ja der sich sogar keiner Gewalt widersetzt, die über ihn verhängt wird, die menschliche Weisheit zuschanden geworden, als sie sich anmaßte, auf einfach mechanische: von der Zustimmung des von ihr betroffenen Menschen absehende, sein menschliches Wesen unberücksichtigt lassende Weise, durch bloße Berechnung des materiell Zweckmäßigen, das Zusammenleben und -Wirken der Menschen zu regeln im Sinne ihres endgültigen Heiles. Die menschliche Weisheit wollte den Menschen fassen durch das Mittel seines, ihm vordiktierten, Gemeinschaftslebens. Doch der russische Mensch blieb wie er war. Er erwies sich als unentstellbar. Das erste, das zarische Rußland scheiterte an ihm, dem unverwüstlichen russischen Menschen: es versank, weil es ihm zur Zwangsjacke geworden war. Er streifte sie einfach ab. Und da blieb und da erst offenbarte sich vor aller Augen das ewige Rußland. Doch rasch, ehe er sich dessen versah, ward auch dem ewigen russischen Menschen eine Zwangsjacke übergeworfen. Denn er war unbekümmert geblieben wie vordem um das, was man auf dieser Welt von ihm alles will, und es lebt auch ein ursprünglicher Nichtwille in ihm, sich festzulegen auf irgendwelche Bindungen in seiner Gemeinschaft: viel zu gut weiß er, daß man dem Menschen immer und überall aus dem Wege gehen muß, um sich keine Gewalt über ihn anmaßen zu müssen. 132