Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 131)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823771--1116-2824202- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8 Menscktum erweist sich in allrussischer Verkörperung als etwas schlechthin Unabschüttelbares, als etwas, was für sich da ist und durch gar nichts, was von außen her an den Menschen herangetragen werden kann, in seinem Wesenskern berührt wird. Das weiß die Menschheit — innerlich — seit sie lebt, es muß ihr aber offenbar immer wieder von neuem unter wechselnden Umständen nachgewiesen werden, damit sie es nicht völlig vergißt — und diese Gefahr erweist sich insofern drohender als je, als heute die gesellschaftlichen Beziehungen vielfältiger und immer tiefer eingreifen in das Einzelleben und immer unmittelbarer die bloße Daseinserhaltung betreffen. Da wird dann das russische Gegenbeispiel einer wirkenden Bewußtheit des unabschüttelbaren und keiner Vernichtung unterliegenden Menschtums, ja eines jeder Versuchung und Belastung gewachsenen Willens zu ihm, immer unentbehrlicher für uns alle. Immer deutlicher, immer greifbarer erkennen wir die menschheitliehe Berufung des Russen darin: zurechtweisender Maßstab zu sein für die heutige Menschheit, die über den Formen und Schranken ihres Zusammenlebens, das sich immer mehr in geregeltem Zusammenwirken erschöpft, ihren eigentlichen Inhalt, ihren letzten Sinn zu verlieren in Gefahr ist und damit auch jede Aussicht auf fortschreitende Selbstentfaltung für den Menschen, jede Möglichkeit zu freier Selbstbetätigung für ihn. Sie aber muß, soll anders die Menschheit nicht verkümmern, auch da vorliegen, wo der Mensch einverstanden zu sein vermag mit dem, dem er sich fügen muß. Auch da muß für ihn die Möglichkeit bestehen, sich von sich aus zu betätigen aus der Fülle seines \\ esens heraus und in der Richtung, die er in letzter Bewußtheit innerlich bejaht. Der Russe hat sich diese Möglichkeiten niemals nehmen lassen, auch nicht in jahrhundertelanger Sklaverei bei ständiger Lebensbedrohung; das wird heute erst eingesehen, wo ihm die menschlichem Ermessen nach äußerste Belastungsprobe seines unabschüttelbaren Menschtums wird - wo er auf es, in seiner Fülle und Selbstbestimmung, völlig verziehten soll um des gesellschaftlichen Heiles aller willen (als ob das jemals in etw as anderem beruhen könnte, als in freier, allseitiger Verwirklichung gerade eben des gottgegebenen Menschtums in jedem Mensehen!). Das ganze Ungeheuerliche des Vorgangs liegt dabei doch wohl darin: 131