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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 129

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 129)
Language
German
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Einwirkung auf sie so bleibe, wie wir möchten, daß unsere Mitmenschen auf uns einwirkten. Und das ist hier doch wohl der einzige Maßstab. Und so ist das auch bei dem Russen: alles verläuft bei ihm ohne jeden Zwang. Was er Böses tut, geschieht von ungefähr, läuft ihm nur so mit unter, und das Gute, das er vollbringt, ist nur der natürliche Ausdruck seines Wesens, kostet ihn nicht die geringste Mühe, ist ihm selbstverständlich. Darum fehlt ihm auch alles und jedes \ erständnis für Selbstüberhebung: er staunt sie an wie ein Ungetüm, vor dem der Verstand stille hält. 7 Der Russe ist eben, um ein heutiges Lieblingswort zu gebrauchen, noch nicht so verkrampft wie wir und könnte deshalb unser aller großer Entkrampfer werden. Denn er steht unabhängig von dieser \\ elt ganz in ihrer Fülle. Nichts kann ihn dazu bewegen, nur eine Auswahl aus dir zu treffen. Soweit läßt er auch Sünde und Versuchung niemals in sieh dringen. Selbst zu seinen Niederlagen wahrt er immer noch einen gewissen inneren Abstand. Jeder Atemzug von ihm geschieht in das L nendliche hinein, gerade weil er dem Endlichen sein volles Recht gewährt — und es so ganz von selber schließlich so oder so in das Endlose eingeht. Denn nichts in diesem gottgegebenen All hat bedingungslose Grenzen. Die sieht nur der Mensch in die Dinge hinein, solange er Angst hat für sich und vor sich selber: vor dem Unbegrenzten außerhalb und innerhalb seiner Person. Der russische Mensch kennt aber keine Furcht; allbeheimatet auf dieser Erde und in sich selber sieht er sie und sich umtlutet von endlosen Himmelsweiten und in ganz fernen Horizonten in sie übergehen. So sind ihm Sinnbild und Wirklichkeit eigentlich immer das (bleiche. Sein ganzes Leben verläuft in Symbolen: wir können es nur sinnbildlich fassen, weil es tatsächlich in der Wirklichkeit vor sieh geht, jenseits aller Luftgebilde, die sich sonst Furcht, Begehrlichkeit und Hache hineinbauen in dies Leben: sie brauchen ja Hintergründe, Kulissen und Dekorationen vor dem Absturz ins Ewige. © Der russische Mensch aber lebt in und vor dem All wie in seinem eigentlichen Element, er kennt gar nichts anderes. Kein europäischer Mensch weist annähernd die gleiche Unabhängigkeit vom Abgegrenzten, 129

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