Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 128)
- Language
- German
- Belongs to
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läßt durch die Dinge. Solche wesentliche Unabhängigkeit von dieser Welt inmitten von ihr kann nur fußen in freier Bezüglichkeit auf das, was hinter dem Greifbaren steht - und das ist für den Russen immer und überall das Reich Gottes, als ein Reich des Sollens. Er würde das vielleicht nicht so in Worte fassen. Er würde wohl das Wort Sollen ablehnen aus inneren Gründen, weil etwas Drohendes in ihm liegt, oder vielmehr (denn das würde ihn kaum schrecken) weil das nach Zwang klingt, nach Nötigung — und dem einfachen Russen ist dasjenige, was gesollt werden soll, gerade eben als Gottesgebot, stets Anruf letzter Freiwilligkeit, etwas so Selbstverständliches, daß er gar nicht zu begreifen vermag (nicht einmal nachträglich bei sich selber), wie man dem entgegenhandeln konnte - und das eigentliche russische Staunen gilt auch immer noch der Gottlosigkeit. Sonst staunt der Russe eigentlich über gar nichts, findet er alles natürlich. Anerkennung oder Nachsicht, Dankbarkeit oder Mitleid sind seine einzigen Antworten auf das, was ist. Sie werden aber der ganzen Fülle dieser Schöpfung gerecht. Und in dieser russischen Grundantwort auf das Seiende, als etwas, wofür man danken oder mit dem man Nachsicht haben muß, gründet sich auch das so tief Erfreuende im Umgang mit dem einfachen russischen Menschen. Was uns ja diese Welt so gründlich verleidet, die Strenge vor dem Mitmenschen, fällt hier völlig fort, offenbart sich auf einmal als wesenlos, als einen Irrtum, zum mindesten als an falsche Adresse geraten: als eine Warnung, die man sich selber erteilt und für sich selber auch sehr wohl nötig haben kann, die aber auf den Mitmenschen zu übertragen, sei es auch nur durch Miene, Haltung und Ton der Stimme schon deshalb ein offenbares Unrecht bedeutet, weil hier zu Zwecken, die nur der eigenen Person gelten, andern unangenehme und dadurch hemmende Eindrücke verschafft werden. Auch in dieser russischen Widerlegung der Strenge als einer falsch adressierten Selbstverwarnung ward mir eine wichtige Lehre auf russischem Boden; auch in der eigenen Miene lernte ich etwas erkennen, das einen nicht mehr allein gehört, über das man gar nicht mehr frei zu verfügen hat, sobald man unter Menschen tritt. Man muß dann innerlich unabhängig von dem eigenen Schicksal, man muß dann wenigstens soweit mit ihm fertig sein, daß es nicht mehr irgendwie auf die Mitmenschen abfärbt, unter denen man sich zu bewegen gezwungen ist — damit unsere 128