Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 127)
- Language
- German
- Belongs to
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zugrunde gegangen waren, dort irgendwo in einem Dorfe ein alter Bauer erzählt hatte: damals seien die Menschen aufgeschwollen wie Wasseräpfel einhergegangen, und Turgenjeff dann frug, ob es denn damals gar keine Aufstände gegeben habe — rief der alte Mann ganz ersehreckt aus: „Gott behüte! Hätten wir auch da noch sündigen sollen, wo Gott uns schon so gestraft hatte!" Nie ward das Geheimnis der russischen Freiheit klarer ausgesprochen (oder das Geheimnis der russischen Knechtschaft: das hängt nur von unserem Standpunkt ab). Aber welche Tiefe der inneren Gewißheit setzt das voraus! „Alles ist in dir!44 sagte der Bauer Sutajeff zu dem eben bekehrten Tolstoi. „Wer kann dich denn zerstören, wenn du dich nicht selber zerstörst?*" sagte mir einst ein alter russischer Bauer. Er konnte nicht lesen und schreiben, niemals aber sah ich einen gebildeteren Menschen. Einmal frug er mich nach den Himmelskörpern: nach Sonne. Mond und Sternen. Ich erklärte ihm, wie sie sich bewegen, und da meinte er nur: „Du hast viel mehr gelernt als ich, und darüber freue ich mich für dich und das gönne ich dir. Was aber am wichtigsten ist, das weiß ich genau so gut wie du!" Wenn aber ein Wissen den Menschen frei macht, so ist es das Wissen hiervon. Für den, der auf ihm beharrt, wird auch die Knechtschaft, ja die wirkliche Sklaverei wesenlos, zu einem bloßen Rahmen für menschliche Beziehungen — und das heißt immer und überall zur Verwirklichung des Willens Gottes. 6 Es kommt nur darauf an, daß alles, was den Menschen trifft, richtig erlebt werde von ihm, und das heißt in innerem Bestehen auf der F ülle des Lebens. Der Mensch, der hierin Meister ist, und das ist der einfache Russe, gibt sich keiner menschlichen Beziehung, keiner l'mrahmung durch Tätigkeit, Stellung, Stand und Gemeinschaft res>tlos hin, leiht sich nur sozusagen auf Kündigung aus, behält sich die innere Freiheit vor zu jederzeitigem Wechsel in der Auswirkung seines Lebens. Streng genommen, lebt er sogar immer nur auf Widerruf; deshalb sieht er aber auch die Dinge so klar, weil er eben nicht aufgeht in ihnen, immer in einem gewissen Abstand zu ihnen bleibt und sich darum nicht verblenden 127