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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 126

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 126)
Language
German
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ihnen ausgestellten Freibriefe einfach zerrissen. Und so wird es an diesem äußersten Fall ohne weiteres klar, daß der Mensch jeder Gewalt seines Mitmenschen innerlich und tatsächlich entschlüpft, wenn er wirklich in allen Schickungen, die über ihn kommen, mögen sie noch so unmittelbar vom Mitmenschen ausgehen, nichts anderes zu erblicken vermag als stets viel zu gelinde Strafe für elementares Versagen vor Gott, und wenn ihm das nicht zum Vorwand dient zu seelischem Nachlassen, er vielmehr unentwegt und um so eifriger, je stärker und je ungenügender er sich bestraft glaubt, weiter arbeitet an der Erfüllung des, wie er weiß, niemals restlos von dem Menschen zu erfüllenden Gotteswillens und damit in Wahrheit Herr seines Handelns bleibt, und nur die Nebenumstände, unter denen es vor sich geht, und mögen sie auch Knechtschaft, ja Leibeigenschaft und das heißt Sklaverei heißen, Gott überläßt. Das will hier sagen, daß man diese Nebenumstände, innerhalb deren man sich auswirkt-und das bedeutet für den russischen Menschen immer und überall: innerhalb deren man den Willen Gottes zu erfüllen hat, und es handelt sich hier um alle staatlich und gesellschaftlich feststehenden Einrichtungen des menschlichen Zusammenlebens und -Wirkens —soweit unabgeändert läßt, als ihre Abänderung nur durch offenes Ubertreten des Gottesgebotes - und das heißt hier: nur durch Gewaltanwendung - möglich wäre. Tolstoi ahnte schon als junger Offizier diesen Zusammenhang, als er den bisher von ihm seiner Knechtschaft wegen verachteten demütigen Leibeigenen als todesmutigen Soldaten im Felde vor sich hatte und ihn sterben sah mit einer so posenlosen Selbstverständlichkeit, als handle es sich um einen bloßen Szenenwechsel im wirklichen Dasein. Tolstoi faßte das aber zu eng, zu tatsächlich auf; er sah nur, daß der Russe die Knechtschaft der Gewaltanwendung vorzieht, weil er aus eigenster Erfahrung in ihr die Sünde am Menschen erblickt (sie bedeutet ja tätige Verneinung der geistigen Menschennatur), und so verkündigte Tolstoi als letzten Schluß der Weisheit des von ihm zum Weltenvorbild erhobenen russischen Bauern: das Gebot des Nichtwiderstandleistens gegen das Übel. Der Kern der Sache liegt indes anderswo: Als einmal dem jungen TurgenjefF (geb. 1818) kurze Zeit nach dem Hungerjahr 1841, in dessen Verlauf über die Hälfte der Einwohner des Gouvernements von Orjol 126

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