Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 125)
- Language
- German
- Belongs to
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Mund auftaten, in sittlichen Dingen um Rat gefragt - und immer war ich erstaunt und ergriffen durch die Festigkeit, ja Selbstverständlichkeit ihrer stets einwandfreien und in größter Bescheidenheit vorgebrachten Meinungen. Diese Menschen begriffen eben, daß es Dinge gibt, vor denen man gar nicht nachgeben kann — und deshalb blieben sie innerlieh frei vor ihresgleichen. 5 So erkannte ich denn — und das ist mir heute noch der wertvollste Schlüssel zum russischen Schicksal (wie es der russische Mensch von jeher aus bloßem Geschehnis in Begebenheit wandelte)-, daß auch die Demut, als die ursprüngliche, unzerreißbare, im Gewissen, im Schuldbewußtsein wurzelnde Beziehung zum Höchsten einen Weg bedeutet, auf dem der Mensch der Vergewaltigung durch den Mitmenschen, jeder Knechtung durch ihn innerlich entgeht (ein Weg, der freilich nicht zu diesem Zweck eingeschlagen werden kann, der vielmehr bereits vor der Knechtschaft oder wenigstens unabhängig von ihr beschritten sein muß, wenn er sie wesenlos machen soll). Schon vordem war mir oft der Gedanke gekommen, ob nicht die ganze Leibeigenschaft, die keine Hörigkeit war, vielmehr richtige Sklaverei innerhalb eines und desselben Volkes (das macht ihre wesentliche Einzigartigkeit aus) von dem großen russischen Volke ganz einfach nur als verdiente Strafe hingenommen wurde, als eine noch viel zu geringe Bestrafung für wesentliches Versagen \or Gott. Äußerungen dieser Art finden sich reichlich bei den Leibeigenen. Zur Gewißheit wurde mir aber dieser Gedanke, so oft ich auf die wirklich ohne jeden Vergleich dastehende - Tatsache stieß, daß viele, sehr viele, vielleicht die allermeisten Kinder von Seelenbesitzern, darunter ausnahmslos alle großen Dichter der russischen Erde, im zartesten hilflosesten Kindesalter die erste und hingehendste Liebe von leibeigenen o Dienstboten erfuhren - von den Menschen, denen ihre Eltern das schwerste Unrecht getan hatten. Und die Liebe ist doch eine freie, ja die freie Äußerung, sie kann überhaupt nur aus wirklich unabhängiger Seele hervorgehen. Das bestätigen auch die zahllosen Fälle - auch Tolstoi berichtet von einem solchen aus seiner Kindheit-, wo Leibeigene in der ihnen angekündigten Freilassung eine Beleidigung erblickten und die 125