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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 124)
Language
German
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läßt, ihm keinerlei Hemmnisse mehr in den Weg legt, ihm nur den Seelenboden nimmt, worauf es anprallen könnte, so daß es in die leere Luft verpufft, weil ihm ja die beabsichtigte Aufnahme verwehrt ward: da das Böse den nicht beleidigte, den es beleidigen sollte, ward es zu einer bloßen Geste, die die leere Luft zerteilt, nichts mehr. Und ich fand diese Gewißheit des russischen Menschen kühn, fast leichtsinnig — und im Grunde genommen bequem (wie uns merkwürdigerweise so vieles am Russen einfach wie Ausdruck von Faulheit anmutet, was dabei uns Westlern, wie wir sehr wohl wissen, schwerste Überwindung kosten würde). Dann aber begriff ich erst, was wirklich diese scheinbare Uninteressiertheit an dieser Welt zu bedeuten hat, und daß das gar nichts anderes sein kann als ein gar nicht mehr versuchbarer Glaube. Im Seelengrunde des russischen Menschen steht ja gleich hinter der großen Rachelosigkeit die unerschütterliche Gewißheit, daß der Wille Gottes, wie er uns aufgeht als ein bedingungsloses Sollen, gültig, und das heißt, daß Gott wirklich ist, ganz unabhängig davon, ob und wieweit auf dieser Erde und durch uns wesentlich unvollkommene Menschen sein Wille Erfüllung findet. Der russische Mensch weiß das, er weiß, daß er niemals vor Gott gerechtfertigt sein kann, daß er stets zurückbleibt hinter dem, was der Höchste von ihm fordert. Und das läßt ihn keineswegs erkalten in seinem Willen zum Guten, das gibt ihm nur jene ehrfurchtsvolle Haltung zum Mitmenschen, die seinem geistigen Wesen entspricht. Wir nennen sie Demut, und sie bringt keine Selbsterniedrigung vor irgendwem zum Ausdruck, vielmehr nur wahrhaft unabhängige Haltung. Der Sinn der Demut liegt in dem jederzeit wachen Bewußtsein des eigenen unermeßlichen Abstandes von Gott, der eigenen ursprünglichen UnWürdigkeit, vor der jegliche Uberhebung über irgendeine Kreatur sinnlos wird. Und wenn man dabei den Mitmenschen als Menschen immer und überall in dem gleichen unendlichen Abstand von Gott erschaut wie sich selber, und das heißt hier vor allem in unmittelbarer Beziehung zu dem Höchsten, so wird ihm damit wirkliche Ehre erwiesen, ohne daß der ihn Ehrende sich selber tiefer zu stellen braucht als der, den er ehrt. In seiner Demut ehrt der einfache Russe das geistige Wesen im Mitmenschen, der vor ihm steht. Wie oft habe ich stille, demütige Russen, die einfachsten und bescheidensten meiner Arbeiter und Dienstboten, die von selber niemals ihren 124

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