Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 123)
- Language
- German
- Belongs to
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dingungslos freie Verhalten von Mensch zu Mensch bleibt unberührt davon! Hier fassen wir wohl auch den Urgrund der Lebensgewißheit des russischen Menschen, und zugleich damit auch das esen jeder Furchtlosigkeit vor dem Geiste, und so geht uns eines zunächst auf: daß in ihr — wie könnte sie denn sonst auch Furchtlosigkeit heißen? - auch ein Wagnis liegt, ein geistiges Wagnis. Solchem aber eignet es. daß es in innerer Gewißheit seines Geschehensollens vor uns hintritt und doch ein richtiges Wagnis bleibt, etwas nicht im voraus zu \\ issendes in sich schließt. Denn das Wissen kann hier nicht mehr mitgehen, es bleibt am Wege zurück, zwar darf ihm nicht widersprochen werden, doch es wird von ihm verlangt, daß es schon da abdanke, sich da schon gar nicht mehr fragen lasse, wo dem Handeln des Menschen die Bahn immer noch offen steht, ja es eigentlich erst einsetzt: sich letzte Antriebe und Richtungen überhaupt erst holt. So vollführt der Mensch jenen großen Sprung von dem, das er greifen und fassen kann, in das, was ihm nur innerlich offensteht. Alles gibt er auf, worauf er sich hier und dort stützen könnte, vollbewußt überläßt er sich dem, was ohne Grenzen ist. Verzichtend auf jede persönliche Gesichertheit, wählt er zu bleibendem Standort die schmale Grenze zwischen Sein und Nichtsein und wandelt fortan in dünner Höhenluft aufschwindelndem Grat zwischen jähen Abstürzen in das Unausmeßbare. Und dieses Heldendasein des Geistes nennen wir Glaube. In ihm lebt der einfache Russe und jenseits von ihm gibt es kein Wagnis mehr — weil dann die Abstürze in die Unendlichkeit gar nicht mehr sichtbar sind. 4 Woran sich aber der Gläubige eigentlich hält bei dem großen Abspruug ins Nichtzuwissende und nie zu Begrenzende, das ward mir wiederum erst klar, als ich den russischen Menschen vor mir sah in nie versagender Rachelosigkeit. Ich sah, daß Verzeihensbereitschaft seiner Seele Dauerzustand ist und die Verzeihung selber, so oft sie geschieht, zu einer bloßen Bewegung wird: als selbstverständliche Antwort auf jegliche Beleidigung. Da dachte ich mir: dieser Mensch ist innerlich gewiß, daß das Böse auch dann nicht weiterrollt im Menschenall, seelenverstümmelnd und seelengefährdend, wenn der Mensch für seine Person es ungeahndet 123