Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 122)
- Language
- German
- Belongs to
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kann, was irgendwie eine Gefährdung bedeuten könnte für dasjenige in uns, worin wir unser höchstes Gut erfassen: für unser Wohlwollen für alle Kreaturen, für unsern wachen Willen für den Menschen, für unsere nie rastende Liebe zu ihm, die keine bewußte Hemmung unseres Geistes verträgt. Mögen seine Grenzen tatsächlich durch das gegeben sein, was unsere Liebe an Erkenntnis nicht zu missen vermag, um unbegrenzt wirklich sein zu können, mögen wir tatsächlich nur gerade ebensoviel erkennen, als zu unserem Heile dient — oder mag umgekehrt die Erkenntnis, die unsere Liebe zur ungehemmten Auswirkung verlangt, gerade eben die unabgrenzbare Erkenntnis sein und bedeutet somit, und das scheint uns der Wahrheit nahezukommen, unsere Liebe den Schrittmacher unseres Geistes bei seinem Vordringen in das Grenzenlose hinein, seinen einzigen Schrittmacher da, wo ihm der greifbare Boden unter den Füßen schwindet und alles Wissen übergeht in den Glauben, und der so sein unlösliches Einssein mit der Liebe offenbart — oder mag nur unser Bedürfnis nach Erkenntnis endigen mit dem von ihr, was unserer Liebe noch irgendwie zu dienen imstande ist — oder eignet wiederum jeder Erkenntnis als solcher die Fähigkeit: der Liebe des Menschen dienen zu können, oder endlich geht tatsächlich unser Erkenntnisbedürfnis über das zur Tat werdung unserer Liebe Notwendige hinaus und entspricht in dem, was unserem Geist zur Aufnahme offensteht, dann immer noch etwas Wesentliches diesem Bedürfnis, reicht mit einem Wort unser Geist weiter, als unsere Liebe ihn zu führen vermag?-Alle diese ewigen Fragen gehen uns ganz von selber auf bei der Ersinnung des einfachen russischen Menschen — wenn er auch nur vorübergehend vor uns steht. Wir können aber alle diese Fragen ruhig Fragen bleibenlassen, das lehrt uns wiederum gerade der russische Mensch. Die Freiheit unseres Geistes und die Möglichkeiten unserer Liebe — und merkwürdig: wir werden uns beider nur gleichzeitig inne - werden in nichts betroffen. Es genügt die Gewißheit, daß der Wohlwollende gar nichts zu fürchten hat, hier und dort, - und da er, der Liebende, niemals für sich allein fürchtet, ja eigentlich überhaupt nicht für sich selber, so heißt das: daß die Liebe in allen Lagen des Lebens, in Hinsicht auf alle denkbaren Zusammenhänge des Alls innerhalb und außerhalb des Menschen das Richtige ist, daß sie gar nicht widerlegt werden kann durch diese Wirklichkeit; mögen wir noch so tief eindringen in ihre wesentlichen Zusammenhänge, die Liebe als das ganz freie, be- 122