Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 121)
- Language
- German
- Belongs to
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über — und alles kann von neuem beginnen: der ganze Aufbau der Gemeinschaft. Nur muß das jetzt vom andern Ende aus geschehen: jenseits der Furcht und jenseits der Begierde und damit auch jenseits jeder Gegenstimmung gegen irgendwen, in wacher Anschauung aller unendlichen Möglichkeiten, die im Leben des Menschen gegeben sind, zur Erhöhung und Erfüllung seines Daseins. Hierbei soll uns der russische Mensch vorangehen: er sieht ja weiter als wir. Wir andern, wir lassen die Sorgen und die Begierden viel zu tief hineinfressen in unser Lebensgefühl — in unsern inneren Lebensraum: wir lassen uns allzusehr innerlich zudecken von unserm rein persönlichen Dasein. Der russische Mensch dagegen — und hierin unterscheidet er sich wohl am wesentlichsten von uns im Westen — hält sich immer und überall ein gut Stück seines Bewußtseinsraumes frei für das Leben als solches: für unmittelbares. \ oraussetzungsloses, rein kreatürliches, innerlich freies Gegenüberstehen dem All; und so geht dem russischen Menschen ganz von selber in der unfaßlichen Schöpfung auch der Schöpfer selber auf. Ihn muß man denken, damit das All irgendwo bewußt vorhanden sei - in seiner Ganzheit - in seiner Einheit. Der Menschengeist leistet hier nur unendlich kleine Vorarbeit: verschwindende Bruchstücke des göttlichen Gedankens nachzudenken, ist alles, was auch höchster menschlicher Gedankenflug erreicht. Das weiß niemand besser als der Russe. Mehr als wir andern, vielleicht schon allzusehr fühlt er den Frevel des seiner selber gewissen mensch- ~ liehen Gedankens. Doch er fürchtet ihn nicht, er vermeidet ihn bloß. Nur in der Fülle des Lebens fühlt er sich wohl, aber er fühlt sieh auch in Wahrheit wohl in seinem bescheidenen Dasein. Sein Lebenswille i>t gar nicht zu brechen. Mag es ihm noch so schlecht gehen auf dieser Erde: da. wo er eben steht, da gibt es keine Furcht mehr vor irgend wem. 3 Erst auf russischem Boden wird uns klar, was eigentlich jene Furchtlosigkeit vor dem Geiste zu bedeuten hat, die wir alle erstreben müssen, damit unser unmittelbares Verhalten zu dem Menschen, der gerade vor uns steht, in Wahrheit frei sei von jeder Voreingenommenheit des Gefühl-. Die Furchtlosigkeit vor dem Geiste wurzelt offenbar in der unerschütterlichen Gewißheit, daß in dieser Wirklichkeit gar nichts enthalten sein