Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 120)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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zog sich keiner Verantwortung, er hatte nur selber keinen Anteil, gar keine Schuld an der grenzenlosen Not des Volkes, der man nirgends auf russischem Boden entgehen konnte. Er verbrauchte wirklich nicht mehr von den Gütern dieser Erde für sich selber, als was gerade eben (meist nur an trockenem Brot) ausreichte zur Aufrechterhaltung seines Daseins und seiner Leistung — und auch das hatte er längst nicht immer. Vor jedem Bissen Brot nahm er aber die Mütze ab, bekreuzigte sich und dankte Gott dafür. Er glaubte ja nicht, wie wir andern, daß, weil er am Leben sei, er auch schon ein Recht darauf habe, am Leben zu bleiben. Sein ganz offener Blick, den keine Gegenstimmungen mehr gegen irgendwen einengten, ließ ihn die Dinge so erschauen, wie sie wirklich sind: er wußte nur allzugut, daß dies vermeintliche Recht auf Daseinserhaltung doch nur von den Mitmenschen gewährleistet werden kann, und er wollte nun einmal nichts voraushaben vor irgendwem. Unter seinen Menschenbrüdern stand er immer und überall ganz so innerlich unabhängig und völlig voraussetzungslos wie da draußen auf freiem Felde, vor unendlichen Himmelsweiten, die Hand am hölzernen Pflug und die Seele in innerlich schaffender Anschauung Gottes. Seine Erde ist hart und karg und sein Bruder bettelarm wie er. Wäre dem aber auch nicht so, er erwartet gleichwohl von niemandem Hilfe, er glaubt auch gar nicht, daß ihm irgendwer solche schuldig sei. Und das ist wohl das Ergreifendste an ihm: der einfache russische Mensch weiß, daß der Mensch hier auf Erden nur auf sich selber steht, und dabei teilt er selber sein letztes Stück Brot und sein letztes Hemd mit dem darbenden Bruder und merkt gar nicht - und das wäre ihm auch wohl gleichgültig —, daß er so völlig herausfällt aus dieser Welt des ängstlichen Seelengeizes und der unaufhaltsamen inneren Vereinsamung. Der russische Mensch weiß auch nicht - und auch das würde ihn kaum interessieren —, daß er sich so in dieser Welt der Angst und des Begehrens einen unerhörten Luxus leistet: er läßt ja seinen Mitmenschen, der vor ihm steht, wirklich er selber sein, statt ihn wie wir anderen auszunutzen zum bloßen Mittel für sich. Damit aber werden alle Bindungen in Frage gestellt im menschlichen Zusammenleben und -wirken, wie es sich bisher gestaltete aus der Angst und der Gewinnsucht des Menschen: frei wie am Tage der Schöpfung, jeder für sich in den Himmel ragend und dabei doch fest mit beiden Beinen auf dieser Erde stehen die Menschen so wiederum einander gegen- 120