Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 115)
- Language
- German
- Belongs to
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10. Erkennen und Vergessen Man verrät also das Gesetz nicht, wenn man sieh revolutionär einschmelzen und neu aufbauen läßt. Man verrät aber auch den Schöpfer nicht, wenn man zurückkehrt in die totere, weniger lebendige Gestalt der Arbeit, weil man in sie entlassen wird. Das Vergessen der göttlichen Wahrheit ist uns mithin ebenso verstattet wie ihre Erkenntnis. Denn nur wer die ewige Lehre nicht mehr weiß, kann sie im Alltag neu entdecken und eben dadurch ihren Vollzug beständig machen! Erkennen und Vergessen sind also beide gleich unerläßlich in den wichtigen Dingen. Ohne das offene Licht der Erkenntnis zöge es uns nicht zu unserer Gestalt. Ohne die vergessende Abwendung zur Erde würde die Erde nichts vernehmen von unserem Auftrag und Beruf. Damit sind wir aber am Anfang wieder angelangt. Das Rätsel der rückwärts gelebten Zeit löst sich nämlich, wenn wir an die Erde, an die Kreatur, an die noch vor der Zeit stehenden ungeschichtlichen Menschen, Gruppen und Kräfte denken: Die Liebe und Gebundenheit an das ungeschichtliche, noch ruhende Leben in uns oder anderen darf uns abwendig machen dem Anschauen, ja dem Leben der Wahrheit. Dies ist kein Sündenfall. Denn wir tun gerade das Gegenteil von Adam. W ir rauben keine Erkenntnis vom Baum. Sondern wir wagen zu vergessen. W ir sagen uns los vom Erkenntnisbegriff der Aufklärung, der ein dauerndes Zunehmen der Erkenntnis vorsieht. Nach dem Erkennen müssen wir vergessen. Denn nur dort überwältigt uns die Liebe. Erst diese Liebe aber ist das Siegel der Wahrheit. Veraessenkönneu ist die Bedingung für o o ~* unser Erkenntnisvermögen. So lange also bleiben die immer aus der Zeit geborenen W ahrheiten der Menschen, die vergänglichen Menschenwahrheiten gegenwärtig und am Leben, als jemand ihrer gewärtig bleibt. Dazu gehört, daß er nach der Schau in die Tagesarbeit wieder hinabsteigt und dort nicht etwa der Wahrheit zuliebe arbeitet, sondern den Kreaturen zuliebe, die durch ihn dieser Gabe teilhaftig werden sollen. Denn wir sollen nicht unsere Erkenntnis lieben, sondern ursern Nächsten. Wo einer daher mit seiner Wahrheit dient im irdischen Bereich (und nicht etwa seiner Wahrheit dient), da tritt er aus dem Zeitstrom an das feste Land. Neue Wahrheiten und das Strömen neuen Zeitgeistes gehen ihn nichts an, solange er dient. So lange steht die Zeit still! ll>