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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 116

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 116)
Language
German
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Nur wer sich abzuwenden wagt von der Wahrheit, um sich binden zu lassen von der geliebten Erde, kann die auswendig geschaute Wahrheit inwendig anziehen. Diese Verwandlung macht Wahrheit anwendbar und beständig. Die flüchtigen menschlichen Erkenntnisse werden so bestätigt und verewigt. Hiermit ist das Fragezeichen, das wir den bloßen zeitläuftigen Fortschritts-Geistern entgegengesetzt haben, erläutert. Die geistige Erkenntnis läuft nicht gradlinig weiter, obwohl sie eine zeiterschaffene Feldfrucht ist wie alles auf Erden Wachsende. Sie wird nur dem gewährt, der sie auch wieder aufzuopfern bereit ist! Aus diesem zwiespältigen Charakter aller Erkenntnis ist die Abneigung der Raumdenker und Idealisten gegen ihn nun besser zu verstehen. Wir haben ja eingangs darauf hingewiesen, daß diese Raumdenker die Zeit unter den Raum herabdrücken. Begreiflich, daß sie das Denken dem gefräßigen Rachen der Zeit zu entreißen versuchen. Denn diese Abwehr entspringt der berechtigten Furcht vor einem einfältigen Zeitgeist, der das Opfer des Vergessens nicht bringen will, sondern mit den Zeiten weiterschwimmt. Gegen den einfältigen Zeitgeist sind sie im Recht; denn den zwiespältigen Charakter der Erkenntnis kennt er so wenig wie sie. Beide wissen nichts von dem Kreislauf Leben-Erkenntnis-Liebe. Beide nehmen die Kehrseite aller Wahrheitserkenntnis, ihre Bedingung nicht wahr: das \ ergessen! Da will der Raumdenker gegenüber dem Modedenker wenigstens sogenannte bleibende Wahrheiten aufpflanzen, zeitlose, der Mode nicht unterworfene, um eine Würde des Geistes zu behaupten. Gegen die Einwürfe der Raumdenker ist nur der zeitliche Denker gefeit, der eingeht in die Erde und den Leidensweg hinein in die Verräumlichung seiner Wahrheit auf sich nimmt. Er braucht die ewigen Ideale nicht, weil er den zeitgeschenkten Erkenntnissen durch seine Zuwendung zur Erde Dauer verleiht. Dies ist das Wunder: gerade wenn wir fürchten zu vergessen, so bleibt doch alles aufbewahrt, was wir geschaut haben. Nur wird es verwandelt. Kein Wort unserer Erkenntnis bleibt. Aber die Wahrheit hinter unseren Worten verwirklicht sich. Was tut es dann, daß 1929 die Aufgaben noch ebenso aussehen wie 116

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