Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 113)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823771--1098-2824184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nerationen gemeinsam ausloten müssen, kann die politische Sprache nicht andeuten. Denn die politische Sprache wirft Ereignisse und menschliehe Handlungen geflissentlich durcheinander. Wir brauchen eine „mehraltrige4- Sprache. Die Nachkriegsgeneration ist nun in der fatalen Lage einer doppelten Auflehnung. Einmal gegen die Revolution, die versagt hat, jämmerlich war; zum anderen aber ebenso gegen die Wilhelminer, die auch versagt haben, gerade weil sie nicht Revolution gemacht hätten! Durch diese doppelte Auflehnung bleibt nun der eigene Wille ohne Aufblick zu den Ahnen (Vorkriegsstadium) wie zu den Sternen (Zusammenbruch). Die dreifache Rolle, die wir alle immer und ewig zu spielen haben, als Erdenkloß, Adam, „Vorkriegsmensch", als Seele, Revolutionär, Kind Gottes, als Evolutionär, Gerechter, Arbeiter, Gesetzesmann, ist von dieser Jugend nicht nur vorerst abgelehnt, das tut jede Jugend-sondern sie hat sich auch den Zugang zu den beiden anderen Rollen gewaltsam verhaut. Durch die Dezimierung der Jahrgänge 1869 bis 1899 und die überstarke Besetzung der Jahrgänge von 1900 bis 1914 gewinnt nun diese Lossagung der Jugend aus dem Mehraltrigen ins „Einaltrige"- noch übertrieben starke Wirkung. Es ist aber nur äußerlich, daß die drei Rollen in irgendeinem Augenblick auf drei getrennte Individuen oder Klassen oder Parteien aufgeteilt erscheinen. Denn schon im nächsten Augenblick kann ein Rollentausch nötig werden, der z. B. einer eben noch „revolutionären-- Klasse den reaktionären Trägheitsstandpunkt zuteilt. Und die drei Rollen werden von jedem von uns im Laufe des Lebens abwechselnd gespielt. Der Mann des Gesetzes (Evolutionist), das neu geschaffene Geschöpf (Revolutionär) und das taube, träge Individuum in der Masse (Reaktionär), sie sind in uns allen, so wie in uns allen Ursprung, Entwicklung und Verfall steckt. So können wir sagen: Die Übertreibung des Generationsmythus, der reinen Geistesgegenwart, ist die Geisteskrankheit der Zeit, die uns um das Gesetz des doppelten Anfangs, um die Dreifaltigkeit unserer politischen Haltung zu betrügen versucht. Gerade das Beste und Reinste der Kriegs- und Revolutionserfahrung, die überpersönliche Verbindlichkeit des Geschehens droht verlorenzugehen. Der Krieg spricht in dieser Hinsicht die Nachkriegsmenschheit nicht an. Und dadurch ist ihnen jene 113