Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 112)
- Language
- German
- Belongs to
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wählen, ob er das will, was sich tun läßt, oder nicht. Es ist ein weises Wort, das der Besonnene sagt: er wolle sehen was sich tun läßt. Auf dieser Zwillingschaft zwischen Revolution und Evolution, Gnade und Gesetz beruht nun eine menschliche Schwierigkeit in diesen Zeiten der Verwirklichung. Diese Schwierigkeit würde nicht auftreten, wenn nur ein und dieselben Menschen die drei Abschnitte der Gottverlassenheit, der Revolution und der Evolution durchleben. Aber hier tritt wieder das Merkmal der Zeit hervor und verwirrt diese eigentümliche Unterordnung des Nachher unter das Vorher, dieses Noch einmal zu Fuß auf das schon erflogene Ziel hinmarschieren. Und diese Verwirrung ist in Deutschland für die Jahre seit 1924 bestimmend geworden. Die nach dem Zusammenbruch geistig Erwachten, also die Jahrgänge 1900—1910 etwa, nehmen den Zusammenbruch zeitlich, nicht ewig, sie nehmen ihn als vergangen, nicht als gültig. Sie wollen und glauben wollen zu können, ohne zu sollen. Sie glauben also wieder daran, daß aus 1929 1950 wird, an den Fortschritt ihrer Generation, an die Evolution. Sie blicken mit Verachtung auf die Revolution, die nichts gekonnt noch vermocht hat. Sie wollen auch die Älteren entweder zu Gottverlassenen oder zu Revolutionären stempeln. Dadurch sind sie selber von beiden deutlich unterschieden. Wie wTertvoll es sei, daß in Deutschland der Zusammenbruch ganz ohne Revolutionsmache, rein als Ereignis geschehen ist und als Gericht, ohne Zutat von uns her, das wird geflissentlich übersehen oder in seiner besonderen Bedeutung und in seinem Wert verkleinert. Das Wort „Revolution" ist allzu zweideutig und „mensehelt" zu sehr, um in der Geschichte der Inflation und Deflation verwendet zu werden. Wir sind denn auch ohne das Wort ausgekommen in der ersten Hälfte unserer Ausführungen. Hier haben wir es aufgegriffen, um die politische Terminologie mit erläutern zu können. Jetzt aber stellt sich heraus, wie sehr das auf dieser flachen politischen Ebene gebrauchte Wort die Verständigung zwischen den Generationen verhindert. Das Wort Revolution im Munde der Nachkriegsgeneration wird geradezu ein Mittel für sie, sich dem nicht von uns Gemachten an der Zeit und an der Geschichte zu entziehen, nur weil es astronomisch vergangen ist. Die Sprache der Politik hat offenbar diesen Nachteil, die Jahrgänge und Generationen auseinanderzureden statt sie zu verbinden. Sie ist flach, oder „einaltrig". Den Tiefgang eines Ereignisses, das mehrere Ge- 112