Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 111)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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9. Revolution und Evolution Jeder kennt das Gesetz der Revolution und Reaktion. Auf eine Revolution, ein Hervorschnellen folgt ein Rückschlag. Was bedeutet das aber? Nun, die Revolution ist geschehen. Das Ereignis ist da. Aber viele wollen es gern ungeschehen machen. Diese Konterrevolutionäre leugnen, daß die Revolution schon wirklich geschehen ist. Sie datieren sich selbst zurück. Sie haben nichts gehört. Sie legen sich wieder schlafen. Gut. W ie steht es aber mit denen, die gehört haben, die revolutioniert sind, mit den UmgeschafFenen? Es scheint so einfach, zu sagen: sie bleiben revolutioniert. Eben dies ist zu einfach. Denn wer einmal revolutioniert gewesen ist, weiß, wie der Alltag dagegen absticht. Wer im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdient, der kann nur die Form, die seine Arbeit und sein Beruf schon haben, täglich bewähren. Er kann Sehnsucht haben nach dem Neuland, er kann Beiträge zahlen für die Partei, er kann kämpfen für seine Ideale. Mit all diesem ist er nicht der .Mensch, der er schon gewesen ist, als er revolutioniert war. Er ist nicht entfernt dieser .Mensch, sondern er ist der vorrevolutionäre Mensch. Ihm widerfährt die rückwärts gelebte Zeit. Er mag selbstgefällig darauf pochen, im Stande des Revolutionärs zu sein und zu bleiben. Das hilft ihm gar nichts, im Gegented. Wer dieses Himmelreich festhalten und im Alltag besitzen zu können glaubt, dem ist es schon unter den Fingern zerronnen. Der gerade wird wegen seiner Eingebildetheit zum Spießer und Revolutionsphilister. Der doppelte Anfang tritt in sein Recht. Der Revolutionär muß beherzt rückwärts leben, um als Mensch aus freien Stücken das wieder still anzufangen, was ihm einmal öffentlich im Volk überraschend widerfahren war. Freilich wollen das die wenigsten. Die Revolutionäre wollen nicht zurück zu ehrlicher sauerer Arbeit. Und die Arbeitsbienen wollen weiterarbeiten, so wie sie e> gewohnt sind, und haben also nichts gehört. Und diese redlichen Vrbeiter setzen daher der Revolution die Evolution - also ohne Revolution! entgegen. Revolution und Evolution sind aber zwei Teile desselben l orutin^s. Man kann die eine nicht ohne die andere haben! Nicht ohne Rev olution wird eine neue menschliche Gestalt wahr. Nicht ohne Evolution wird diese neue Gestalt wirklich. Denn es ist zwar bei Gott kein Ding unmöglich. Aber bei den Menschen ist nur das Ding zu verwirklichen, was Gott schon hat c? Ereignis werden lassen. Niemand kann tun was er will. Er kann nur III