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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 110

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 110)
Language
German
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Aber gerade weil er geschaffen und erneuert hat, eben deshalb tritt nun sein Ebenbild ein für ihn, um diese Wahrheit zu vollstrecken und zu bewähren. Denn er hat uns ja geschaffen, den Menschen. Und deshalb haben wir zweimal zu beginnen. Das eine Mal greift er ein und fängt an und das andere Mal begreifen wir und greifen wir zu dort, wo es jedem möglieh wird. Die Theologen nennen Gnade und Gesetz diese zwei Reiche und trennen sie säuberlich. Und meist stellen sie es so dar, als sei die Gnade so eine Art Begnadigung. Wenn wir nach dem Sittengesetz den Tod verwirkt haben, dann lächelte uns hinterher die Gnade zu: nur lebenslänglich. Es ist aber gerade umgekehrt. Das Gesetz ruht auf der Gnade. Die Gnade lehrt uns sterben. Das Gesetz aber lehrt uns leben. 8. Der doppelte Anfang Die Theologie verhüllt eher die Tatsache, auf die es hier ankommt: daß jeder Anfang zweimal angefangen werden muß, einmal vom Himmel oben und einmal von der Erde unten. Diese Erfahrung scheint mir völlig verschüttet gewesen zu sein. Deshalb mußten wir sie wohl machen. Andere Zeiten hatten sie bereits, z. B. auch Hegel, und am großartigsten hat sie Theophrast von Hohenheim ausgesprochen: „So Gott seine Hand abzeucht, so ist es nicht anders, denn daß er den heiligen Geist vom Menschen nimmt und läßt ihn mit seiner eigenen Vernunft nach seinem Gefallen handeln. Wo der heilige Geist nicht ist, da ist der freie Wille . . . W em nun der heilige Geist entzogen ist wie den Verdammten, diese haben zwar auch freien Willen, aber im Argen zum Morden, Stehlen und Betrügen. Der rechte freie Wille ist aber der, der die Probe besteht in der Versuchung, durch eigene Vernunft ohne den heiligen Geist.64 Auch Hohenheim*) hat erschrocken in die Nähe der Verdammten zu kommen gefürchtet, als er aus der Gnade auf die Erde fiel, und hat dann erst die \\ ahrheit erfahren. Sie ist aber eine Erfahrung, die bald biologische, bald politische, bald theologische Züge annimmt, wenn wir sie auszudrücken suchen. Und sie erinnert an sehr einfache historische Tatbestände, die jeder kennt, aber über die er sich selten wundert. *) Näheres in „Der Annus Acceptus des Theophrast von Hohenheim (Paracelsus)'\ bei Rosenstock- Wittig: „Alter der Kirche", 1928, II, 760. 110

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