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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 103

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 103)
Language
German
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Auch für die Vergangenheit des Geistes gibt es ein Wort. Es bildet sich heute im Gegensatz zur Geistesgegenwart und zur Begeisterung. Die „Geistigen64 nennt man die ganze Schicht im Volke, die nachdenklich hinter der Zeit her in den gebildeten Bahnen des Geistes weiterdenkt, studiert und lehrt. Früher nannte man sie kurzweg die Lehrer des Volkes. Geistesvergangen zu sein ist in Deutschland als einem Lehrerland — „Germania docet" — in gewissen Kreisen notwendig. Diese Kreise verlangsamen die Zeit, indem sie ihr nach-denken. Sie sind die Pächter der Weltanschauungen, die in einem bestimmten Gesichtskreis festliegen. Im Weltanschauungskreise darf der Redner frühestens Gedanken, die schon gestern oder vorgestern gedacht worden sind, heut vortragen. Selten, daß er etwas nur Gegenwärtiges vorzubringen wagt. Die Verlangsamung des Geistes durch Lehre brauchen wir so nötig, wie die Beschleunigung durch Begeisterung. Nur, bitte, sollst du dich weder als Weltarischauer noch als Begeisterter für zeitentrückt halten. Sondern auch dann wird dir Geist nur durch die Zeit verliehen. Aber diese Leihe will der Mensch nicht wahr haben. Denn die Zeitentrücktheit oder Zeitenthobenheit ist zwar den Menschen nicht wirklich verliehen. Jedoch versuchen wir unausgesetzt, diese Haltung zu erlangen oder vorzutäuschen. Viel Mühe wird von allen geistig „Hochstehenden-* darauf verwendet, über der Zeit zu stehen. Dadurch könnten sie nämlich des Gei>tes Eigentümer werden! Über Zeit und Raum und au(3er Zeit und Raum, wer weilte da nicht gerne. Daher kommt es, daß die Gruppe der demütig Zeitbefangenen aller drei Zeiten, der Begeisterten, der Geistesgegenwärtigen und der Lehrenden, fast stets alle Hände voll zu tun hat, um sich mit den Zeitlosen, den „Philosophen44, auseinanderzusetzen. Lud es scheint daher schon ein großer und genügender Erfolg, wenn sieh ab und zu eine solche philosophische Herbstzeitlose zur Vergänglichkeit und Zeitlichkeit ihres Geistes bekennt. Alsdann ist man zufrieden. Zeitlichkeit oder Außerzeitlichkeit des Geistes - das scheinen also die beiden Positionen der Menschheit, jene des Glaubens, diese des \\ issens, jene der Zeit, diese des Raumes. Bis hierhin halten wir es mit den Zeitläuftigen. Aber nun kommt unser großes Fragezeichen und zwar gerade an das wichtigste Dogma dieser Gruppe. Uns scheint, daß innerhalb der Gruppe der Zeiteingeständigen wichtige Unterschiede ungeklärt geblieben sind. Große Mißgriffe und 103

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