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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 104

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 104)
Language
German
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Entartungen wurden denen nachgesehen, die nur die allgemeine Glaubensforniel für sich bejahten. Noch weniger natürlich hatten ihre Gegner, die ztitfreien Hochstehenden und Frei-Geister Lust, sich mit den Erkrankungen des Denkens zu befassen, die eben auf seiner Zeitlichkeit, auf seiner Demut also beruhen. Wenn man das Ganze leugnet, braucht man sich nicht auf Einzelnes einzulassen. Heut müssen wir genauer zusehen. Denn die „Hochstehenden" sind uns Zeitbefangenen derzeit nicht gefährlich. Der Geistesstolz hat eine schwere Niederlage erlitten. Die Demütigung des Geistes ist im Augenblick groß. Wir haben daher die Hände frei und können im eigenen Hause unserer Zeitlichkeit nach dem Rechten sehen. Denn offenbar ist da nicht alles in Ordnung. Und wir werden nur damit einem künftigen Wiedereinbruch des Geistesstolzes wehren können, daß wir uns selber von allem Aberglauben reinigen. 4. 1918-1928 Da ist nun von uns allen gemeinsam eine große Erfahrungszeit durchlebt worden, die Zeit nach dem Kriege. Erfahrungen sind hier von uns allen gemeinsam öffentlich im Licht des Tages erfahren worden, die sonst nur die einzelne Seele einsam mit sich macht, nämlich Erfahrungen, die wir nur ungern machen, weil sie uns beschämen: Enttäuschungen über uns selbst. Und wenn wir jetzt auf das Jahrzehnt von 1918 bis 1928 zurücksehen, so sehen wir eine seltsame Anordnung unseres Verhältnisses zur Zeit. Die eindeutig gerichtete Zeit ist seit 1918 verlaufen und weitergelaufen. Wir aber haben keineswegs die Unumkehrbarkeit und Gerichtetheit des Zeitstromes jeweils festzuhalten vermocht. Wir haben nicht nur im Laufe der Jahre alle geschwankt zwischen den drei Zeitverhältnissen der Begeisterung, Geistesgegenwart und Vergeistigung, z. B. zwischen Reich-Gottes-Schwärmerei, persönlicher Bekehrung und Kirche, zwischen Sozialismus, Sozialisierung und Soziologie, zwischen völkischem Frühlingsahnen, Volksbildung und Staatlichkeit. Wir haben mehr tun müssen: wir haben rückwärts gelebt. Diese Erfahrung ist gerade für den Zeitbefangenen und seiner Zeitlichkeit Geständigen eine außerordentliche. Und wir kommen aus der Erstarrung, die uns — zum Teil nur deshalb — befallen hat, sicher nur heraus, wenn wir sie uns eingestehen. Welch eine unzuverlässige Sache ist also der Zeitgeist und vor allen Dingen ist das Mitleben unseres Geistes mit der Zeit. Wir halten 104

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