Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 102)
- Language
- German
- Belongs to
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zählt werde. Auch diese gibt es ja in Hülle und Fülle. Es sind eben die Geister, die jene Parole ausgeben, wir seien in Raum und Zeit „eingeschlossen". Denn schon damit haben sie den Raum zur Dominante unseres irdischen Daseins gemacht, weil nur er uns ja „einschließt". Sie gehen in ihrer geometrisch-räumlichen Auffassung so weit, die Zeit zur vierten Ausdehnung des Raumes herabzusetzen, so daß sie ihre Eigenart als Entschluß und Lösung aus dem Raum fast verliert. Sie sind auch deshalb, weil der Raum mit den Augen aufgefaßt wird, Augenmenschen. Als Menschen des Blickens, Augens und Betrachtens heißen sie Theoretiker und Idealisten, vor allen Dingen aber Weltanschauer. Und ihr Schlagwort: Weltanschauung setzt die ganze Wirklichkeit herab zu einer vorwiegend räumlichen Welt. Die europäische Menschheit ist derzeit weitgehend taub und witterungslos durch Theorien und Ideale, d. h. durch Uberzüchtung des inneren Raumsinnes. 3. Die Zeitlichkeit des Geistes Diesen \i eltbildern gegenüber können sich die Zeitläuftigen immerhin auf wichtige Tatsachen berufen. Und mit ihnen müssen wir erst einmal sagen: Die Zeit steht nie still. Und nur weil sie nie still steht, kommen wir täglich vor eine neue Tür mit unseren Gedanken. Nur unter dem Druck der Zeit auf uns müssen wir uns entschließen und entscheiden. Alle geistigen Urteile entspringen dem Zeitdruck. So verdanken wir all unser Wissen nur der Zeit. Und die Unterschiede zwischen der Geistesart der Menschen beruhen nur auf ihrer mehr oder weniger willigen Hingabe an die Zeit. Der Zeit, die man ja nicht sehen kann, müssen wir gehorchen. Und nicht jeder hat ein gleich gutes Gehör. Wer das erkannt hat, weiß schon, daß er nie außerhalb des Zeitstromes steht, auch dann nicht, w enn er über Zeit und Raum denkt oder nachdenkt. Er denkt bestenfalls der Zeit hinterher oder vor der Zeit voraus. Aber nie denkt er außerhalb der Zeit. Geistesgegenw ärtig nennt man daher wohl den Menschen, der den Augenblick mit dem Geist erfüllt, der unwiederbringlich dieses Augenblickes ist. Der Geistesgegenwärtige gestaltet den Zeitpunkt, den er durchschreitet. Auch für Zukunftsdenker, Vorausnehmer der Zeit gibt es ein Wort: Begeisterte nennt man sie. Sie sind selten geistesgegenwärtig. Sondern trunken der Zukunft geistern sie ihrem eigenen Geschichtstag voraus. 102