Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 94)
- Language
- German
- Belongs to
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Yerohnmächtigung: der Seele ist die Leitung der Weltdinge entwunden; sie darf nur im Phantasiereich neben der Wirklichkeit bauen. Sie sinkt zur Literatur, die geistige Ware vertreibt - entsprechend die übrigen Künste - oder irrt heimatlos, fußlos, von Himmel und Erde gleich fern als Dunst über die Erde der harten Dinge. An denen sie nichts ändert. Geist ist ohne Ding, Ding ohne Geist heut. Dingarbeit kennt ihren Symbolismus nicht mehr - daß sie Gleichnis, Ausgleichung von Seelenarbeit. Der ganze kapitalistisch-sozialistische Streit geht zwischen Genossen des gleichen Betrugs - daß das oberste Gebot für Menschenbemühen und das oberste Gut als praktisches Ziel ein Außending sei, nicht ein Seeleninhalt. Nicht die Seele, ein Seelenmittel, nicht das Leben, ein Lebensmittel, für das Seele und Leben vertan wird. Im Begriffe „Arbeit" als dem menschlichen Faktor der Gütererzeugung wirft der Mensch selbst ^ein Menschliches in den Hintergrund, unterwirft sein Innenstreben einem veräußernden Dienst. Das Weltstreben der Seele einer Verzweckung. Darüber hat sich unsere Zeit Klarheit geschafft. Hat sie? O nein! sie klagt nur gern über die Verzweckung ihrer Arbeit, über die Linterstellung alles Tuns, ja alles Denkens, unter Zweckhaftigkeit. Aber bei ihrer Selbstprüfung hat die Kritik der Zeit ängstlich vermieden, sich die Art ihrer Zweckhaftigkeit näher zu besehen, sorgsam halt gemacht bei dieser nichtssagenden Abstraktion, selbsttäuscherisch den Inhalt ihres Zwecks sich verhüllt. Zum Beispiel indem sie für das Geistesgesetz der Verzweckung, dem sie unterliegt, sich mit einer historischen Erklärung abzufinden gesucht, und das Formgesetz der Zweckhaftigkeit herleitet aus dem Zweckwillen unterer heraufbegehrender Volksschichten. Denn, wie sehr sie klagt - von der Krankheit ihres Zweckes will die kranke Zeit nicht ablassen. Bis der Arzt ihr die Wahrheit sagt: Zweckhaftigkeit heißt Abzweckung auf äußere Natur; Verzweckung ist ein Vorwand für Verdinglichung. Alle Arbeit schafft Güter nur aus der Natur: nur Arbeit und Natur j a sind Gütererzeuger; Kapital erst wieder ihre gemeinsame Frucht. Wirtschaft ist der offenbare Geheimwille der Zeit, der die Falschrichtung enthält, womit die Verzweckung des Lebens sich von selber ablöst. Denn die Wahrheit des Arztes ist hilfreiche \^ ahrheit: Psvchanalvse. die unserer Zeit die Verdrängung eines Urtriebes offenbart: unter der Form des Wirtschaftslebens verwirtschaftet sich das Leben, vernutzt das Menschliche zur Ausnutzung der Natur. 94