Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerade diesen Widerstand des Kranken gegen die Erkenntnis seiner Krankheit, gegen die Einführung der Sonde wird er zum Mittel seiner Diagnose verwenden. Um in unserem Bilde einer Krankheit mit eiterndem Abszesse weiter zu sprechen (der Ausbruch dieses Krieges und was ihm gefolgt, legt dies Bild nahe, und es führt uns einen methodischen Weg) - die Gründe und Arten dieses Widerstandes zeigen dem Arzte ebensoviel Muskelschichten und Nervengruppen, durch die er die Hohlnadel hindurchlenken muß, um die Tiefe des Eiterherdes zu erreichen. Weil diese Schichten und Gruppen sich vor dem Erkenntnisschmerz scheuen, zeigen sie, daß sie im verseuchten Organismus noch verhältnismäßig gesund sind, von dem Fortschritt der Krankheit nicht unmittelbar schon ergriffen. Nicht also in dieser Menschengruppe Tun und Denken liegt der eigentliche Keim des Verfalls. Da aber anderseits am Herd der Krankheit kein Schmerz mehr besteht, weil dort der Nerv schon zerstört ist, zeigt die Schmerzscheu dieser Schichten doch eine Reizsamkeit an, die aus den Ausstrahlungen des inneren Krankheitsherdes erwächst und der eingleitenden Hand des Arztes die Bahn weist. Dabei ruht das Auge des sachkundigen Untersuchers durchaus nicht vornehmlich auf jener Art von Erscheinungen, die dem Urteil des Kranken, der aus jenen Schichten stammt, besonders ärgerlich sind. Und soweit es darauf ruht, wertet das Urteil dieses Wissenden diese Erscheinungen anders. Dieser Arzt ist ja sich selbst abgestorben; er kann nur einer sein, der die Krankheit durchgemacht und davon genesen ist, oder in der Genesung begriffen. Er fühlt den Schmerz als einen eigenen nicht mehr. So fehlt ihm auch jene Gereiztheit, die charakteristisch ist für das Urteil der Mittelschichten. Er verwirft nicht hochmütig als leichtfertig den Teil unserer Menschheit, der es fertig bringt, in dieser entsetzlichen Zeit, während die Gräber des schrecklichsten Krieges noch Blut dampfen, sich in den Taumel der Vergnügungen zu werfen und der allerorten alle Tanzsäle und Amüsierstätten überfüllt. Noch auch die feisten Fleisch- und Geldmenschen, Schlemmer, Wollüstigen, Schieber, Glücksjäger, Profithascher, Diebe, Betrüger aller Art, die den moralischen Bürgern wesentlich den Schaden der Zeit darstellen. Diese Taumelnden, diese Schiebenden gerade sind, sich unbewußt, das Bild der Verzweiflung und Selbstbetäubung der Zeit, und sprechen sie tiefer aus, als jene flachen Moralisten, die mit Verurteilung der anderen den Schaden 88