Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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der Strenge des durchbohrenden Blicks die Blähung unserer Menschheit als nichtige Hohlheit zu erweisen, es sei denn im Glauben an eine Heilkunst, die über Mittel verfügt, von denen der Kranke nicht weiß: in jenem Glauben, der eine Fülle in die Leere herbeizieht; der mit der Liebe sich eint, die da noch hofft, wo der Lnglaube verzweifelt, und Seelenkräfte regsam macht, die sich dem Gelehrten versagen. Dieser, nur dieser Arzt hat dann das Recht, wenn es sein muß, das .,1 nrettbar" zu sprechen, - weil er der Letzte dazu sein wird. Mögen unsere Zeilen aus dieser Angst, aus diesem Glauben, aus dieser Liebe, aus dieser Hoffnung, aus dieser flehenden Wahrhaftigkeit sein! Dürfen wir leichterhand aber nun beiseitschieben Optimisten wie Pessimisten? Jene, die scheinbar Oberflächlichen, deren lächelnder Mund und beruhigtes Gemüt sagt: „Laßt nur! die Menschheit kommt von selber zu sich; behelligt sie nur nicht mit überschweren Gedanken; legt lieber praktisch die Hand mit an ein just nötiges Vlerk!" Diese, die scheinbar Tiefen, die, etwa auf den Wegen indischer Philosophie, elt durchdenkend sie zu einem Scheine zerdenken, also daß Streben, Tun, Bauen, Menschheit-Erbauen wesenlos wird? Oder ihre europäische neue Abart, jenedieWelt-Verneinung relativisch abmildernde Kulturgeschichtsphilosophie, nach der Völker und Zeiten nur Gewächse darstellen, die nach Ablauf ihrer Periode absterben in ewiger iederholung ohne Fortschritt? Nein - beides sieht der Arzt als Svmptom, beides als ein und dasselbe schlimme Symptom. Leugnen die einen die Selbstzerstörung der menschlichen Gesellschaft, leugnen die anderen, daß sie jemals oder letztlich überhaupt ein Ding von Wesenheit ist, so besagen beide: der kranke glaubt selbst nicht mehr recht, geheilt werden zu können. Oder wäre, daß er nicht hören will, auf den Tod krank zu sein, umgekehrt Zeichen einer so starken Gesundheit, daß der Krankgesagte alle Sorge des Arztes v erlachendürfte, im eigenenLeib gewiß kraft seiner guten N atur, -einer Krankheit als nur eines leichten Unw ohlseins von selbst Herr zu werden? Ach nein, so liegt der Fall durchaus nicht. Daß die Krankheit schwer ist, bezweifelt keiner der Wisser: derjenigen, deren Gewissen schwer ist, weil sie in dieTiefe der Einsamkeit niedergegangen, wo die Zweisamkeit des Seelenverhöres beginnt. Wenn so viele nicht wissen wollen, w ie schwer die Zeitkrankheit, ist's ein Gewissenszeichen, daß sie sehr schwer. Der Arzt jedoch darf darum nicht verzagen; nicht der Kranke, er hat die Diagnose zu stellen. 87