Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
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FLORENS CHRISTIAN RANG BETRACHTUNG DER ZEIT Ein weiteres Stück aus dem Nachlaß Florens Christian Rangs: die ersten Abschnitte einer Preisarbeit „Über den Wiederaufbau der menschlichen Gesellschaft44, die er 1920 zum Walker-Trust-Wettbewerb der St. Andrews-Universität in Edinburgh eingereicht hat. 1 Vor dem Thebaischen Heiligen, der rein leben wollte, stand das verführerische Bild des üppigen Weibes. Da sah er es an und sah es durch und durch. Vor der Gewissensgewalt seines Blicks verwandelte es sich und schmolz zu einem teuflischen Unrat. Und er sah: da stand an Stelle der Teufelin der reine Mensch Christus und grüßte ihn. Anfangsweise, anfangsweise sehen heut wir arg Unheiligen, die wir aber doch im Gewissen die Verantwortung fühlen für unsere Zeit, vor uns stehen und vergehen das üppige Bild unserer verführerischen Zivilisation und Kultur; je tiefer wir es durchsehen, mit um so tieferem Grauen. Aber sehen wir es ganz durch? ganz zu Unrat? und sehen wir gar den neuen Menschen dahinter sich erheben? Viel fehlt! Wie grauenvoll-verloren der Zustand unserer Menschheit, das sehen zu wollen, schrecken die meisten zurück. Sie geben es zu, theoretisch, aber nicht mit der Angst, die das Siegel der wahren Ergriffenheit ist. Haben vielleicht sie recht? Wozu auch erkennen, daß alle Blüte von Wohlstand, Bildung. Technik, Verkehr, Wissenschaft, Wohltätigkeit unter dem Brennen des Gewissensblicks schrumpft zu dem Schemen und Schein der glänzenden Oberhaut einer Eiterung, die im Innersten unseres Körpers wuchernd ihren Sitz hat, von wo sie unser ganzes Leben zerfrißt? wozu diesen Verfall in Verwesung erkennen, wenn nicht auch ein Mittel zu erkennen ist. ihn zu überwinden und Tod in Leben zu wandeln, wieder gesundend? Feigheit und Liebe bestärken sich hier im Entschluß, dann besser das Auge vor dem Grauen zu schließen oder die Lage wider Wirklichkeit nach Wunsch täuscherisch besser zu malen. In der Tat, der Arzt hat das Recht nicht, dem Aufgegebenen noch den Schmerz tiefster Einführung der Sonde zu bereiten, den er dem nicht ersparen darf, der noch fähig ist zur Genesung. Ein Arzt der Menschheit - und an diesem Beruf hat mitzuschaffen an seinem Teil jeder, der seines kleinen Ichs ledig, der Seele kein Heil sieht außer im Heile der Welt - hat das Recht nicht, mit 86