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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 74

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 74)
Language
German
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Ist aber der Untergebene deutlich in seiner Männlichkeit überlegen, so muß der Vorgesetzte eben durch eine Nuance im Tonfall, durch eine lässige Fingerbewegung, durch eine kurze Pause an geeigneter Stelle den ..Vorgesetzten" doch eben etwas deutlicher markieren. Das RivalitätsVerhältnis unter Männern hat also in der Regel zu höflich-diskreter Anerkennung, in unvermeidbaren Fällen aber zu „ehrlicher" Auseinandersetzung mit dem Gegner zu führen. Jedenfalls hat man sich in diesem bewußten Punkt zu verstehen, notfalls zu verständigen. Das erwartet jeder „normale" Mann einfach von dem anderen. Wie aber, wenn diese Erwartung nun nicht erfüllt wird? Wenn man bei dem anderen völlig unerwartet in diesem bewußten Punkt jene Verständigungsbasis eben nicht vorfindet? Da fühlt man sich plötzlich in seinem Mannesstolz gekränkt. Man ist gewohnt, daß der Gegner die Überlegenheit in diesem Punkt höflich zugesteht, oder wenn es damit offenkundig nicht so weit her ist, doch zum mindesten so tut, als ob. Aber so gar nichts - diesen bewußten Punkt gänzlich unberührt lassen - das ist einfach „unerlaubt". Das entfesselt sofort jenen untergründigen Haß in der Form der „Entrüstung", von dem die Rede ist. Da wittert man den Ruhestörer, der durch seine Unbetontheit an diesem Punkt das Herren- und Besitzverhältnis des Mannes gegenüber „dem" weiblichen Geschlecht irgendwie „ernstlich" gefährdet. In dieser Entrüstung verbünden sich ohne weiteres - und das ist das Erstaunliche - der „ehrliche", „brave" Familienvater mit dem herumflanierenden „Don-Juan", insofern, als ja beide an ihr Besitzerverhältnis dem Weiblichen gegenüber nicht rühren lassen. Da kann gar kein Zweifel bestehen: alle Männer von korrekter Haltung, wenn sie eine auch noch so verschiedene Auffassung von Moral haben, wenn sie auch noch so entgegengesetzten Ständen, Berufen, Parteien, ja sogar Kirchen angehören mögen, in dem Punkt halten sie selbstverständlich zusammen. Dieser Haß richtet sich also instinktsicher gegen jeden der Gruppe zugewandten Menschen, der mit eben dieser Gruppenzugehörigkeit ja gerade den Herrenstandpunkt in Frage stellt. In der Gruppe wird ja gerade eine Annäherung auch der Beziehungen von Mann und Frau innerhalb der gemeinsamen Arbeits- und Glaubenswelt versucht. Der Herrenstandpunkt aber bedeutet in Wahrheit, daß der einzelne Mann sich dem weiblichen Geschlecht als solchem gegenüberstehen fühlt, seine 74

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