Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 72)
- Language
- German
- Belongs to
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Berufe gehört. Dieser objektivierte, versteinte Feindschaftswilie hat die Masken der organisierten Berufe immer schärfer gegeneinander abgegrenzt. Wenn man einen entscheidenden Schlag gegen den Gegner tun will, setzt man vorher jene Maske von undurchdringlichem Ernst auf, zu dem man ja beruflich ohnehin verpflichtet ist. Die neuerdings lieber gebrauchte Variante des undurchdringlichen Lächelns, das mit der großen Welle amerikanisch-ostasiatischer Suggestion nach Europa gedrungen ist. erfüllt dieselbe Aufgabe, nur noch sicherer, nämlich jede persönliche Note der Feindschaft oder auch nur den Verdacht davon auszuschalten, wenn es gilt, einen sachlichen Gegner zu erledigen. Die Vermechanisierung der Feindschaft durch ihre restlose Versachlichung bringt heute schon beinahe etwas wie einen Weltkonzern aller organisierten Feindschaften zustande. Haß und persönliche Feindschaft wird immer mehr eingeengt. Die Rationen von Haß, die sich der Einzelne leisten darf, werden immer kleiner gemacht. Diese versachlichte Feindschaft richtet sich gegen alles Eigenwillige der Persönlichkeit, gegen den Freiheitswillen des selbständigen Menschen. Dagegen die zweite Form der Feindschaft, der Haß, flüchtet sich in die verstecktesten Formen und ist immer schwerer als das zu erkennen, was er eigentlich ist. Der sachlichen Gegnerschaft steht gegenüber der versteckte Haß in der Form der ..Entrüstung". Durch den geschäftlichen, amtlichen Ton des Berufsträgers und seine sachliche Höflichkeit bricht zuweilen der sich entrüstende Haß durch, manchmal so deutlich, daß man wahrhaft daran aufatmen und Hoffnung schöpfen kann. Dieser sich entrüstende Haß trifft den gruppenwilligen Menschen heute immer dann, wenn er die konventionellen Verbände der alten Gesellschaft antastet und durchblicken läßt, daß er neuartige und innigere Verbindungen sucht. Entrüstung trifft den Unruhstifter, wenn er das doch so gut funktionierende System der ,,bestehenden Zustände" stört. In diesem System fühlt er -ich ja nicht gebunden, hat andere Bindungen, die man nicht kennt. Darüber ist man empört, entrüstet, beleidigt. Man kann den Kerl nicht ausstehen, und obgleich man eigentlich keinen nachweisbaren Grund dafür angeben könnte: wenn er bloß in die Amtsstube - oder die Parteiversammlung oder in den Ballsaal oder wo auch immer sonst - eintritt, möchte man ihn am liebsten gleich wieder rausschmeißen. Und wenn Blicke Revolverschüsse wären, wäre er lange schon nicht mehr am Leben. 72