Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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dabei gar nicht hineinzuspielen. Man kann den Betreflenden sogar zunächst halb gutmütig warnen. Man kann ihn als einen ganz netten Kerl, als einen interessanten, genialen, möglicherweise auch als einen narrenhaften oder absonderlichen Menschen ansehen. Aber fallen muß er, weil er ja mit seinem Anspruch auf Gruppenzugehörigkeit die gerade in ihrer Isolation stark gewordenen Organisationen auflockert und gefährdet. Fügt er sich beharrlich keiner Organisation, muß er verschwinden. Nachdem das Gesetz das Töten eines solchen ,,Schädlings" nicht mehr zuläßt, bleibt doch ein geeignetes Mittel, ihn totzuschweigen oder für Luft anzusehen. Genügt das immer noch nicht, so wird die Orgauisationsmaschinerie leise surrend gegen ihn eingeschaltet. An irgendeiner pausenden Stelle, wo er sich nämlich formal ins Unrecht ge*etzt hat, da läßt sich dann bequem einschreiten. Sein menschlich-heißer \\ die stößt dann deutlich und immer deutlicher auf planmäßig kalte Gegenaktion. Er weiß nicht, von wem der Widerstand ausgeht, er kann sich an keinen persönlichen Feind halten, wie er ja nach wie vor - wie gesagt - persönlich „höchst" geschätzt werden kann. Wer auf solche Weise langsam von der Organisationsmaschinerie ausgekühlt worden ist, hat es schwer, die Glut der Todfeindschaft in seinem Herzen zu bewahren. Er wird sich dann oft bald sagen: „Es ist ja eigentlich gar nichts da, wogegen ich mich wehre. Warum also eigentlich diese furchtbare Mühe. Kein Mensch ist gegen mich, niemand stellt sich mir entgegen. Das Klügste, ich füge mich." Damit hat die Maschinerie dann ihr Ziel erreicht und kann an die Unschädlichmachung des nächsten gehen. Jenes Einschalten der einseitig vermännlichten Orgaiii^ationsmaschinerie ist die heute hauptsächlich angewandte Form, einen Gegner zu vernichten. Die mechanische Gegenaktion kennzeichnet ja den unserm mechanistischen Zeitalter eigentümlichen Willen, alles ihr L nbequeme und Widersätzliche langsam zu zermahlen, zu zermürben, zu zerstampfen und einzuebnen. Diese Form der Feindschaft, die ja gerade durch da.^ Ausschalten des persönlichen Moments entsteht, ist sozusagen versachlichte Feindschaft und eben die negative Ergänzung zum mechanisierten Arbeitsleben. Genau wie aus der Arbeit die Lust ausgeschaltet wird, so wird auch der persönliche Haß aus der Welt der Arbeit ausgeschaltet. Den Gegner sachlich zu erledigen, ist die Kunst, die frühzeitig geübt zu dem Rüstzeug nicht nur der politischen, sondern nahezu aller 71