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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 68)
Language
German
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derschreiben einer noch so schönen Verfassung kann dagegen helfen. Wir haben zum Glück eineVerfassungsurkunde, die sich dieser Tatsache bewußt ist. Unsere Verfassung weiß, daß sie nur dann stimmt, wenn wir, die Volksgenossen, sie stimmen machen. Die deutsche Verfassung weiß, daß sie zerbrechlich ist. Das soll der Satz bedeuten: Die Staatsgewalt geht vom Volke aus. Er ist kein Triumphgesang, er ist eine furchtbare Wahrheit. Er bedeutet: Die I Erfassung ist zerbrechlich. Und nun kommt das Seltsame. Nur weil sie zerbrechlich ist, können wir sie lieben. Mauern, Festungen, Kanonen, Türme, Riesenmassen und große Macht können imponieren. Aber man kann sie nicht lieben. Ein zerbrechliches Mütterchen, das läßt sich lieben. Eine Blume oder ein Schmetterling - du zerstörst sie mit einem Fingerdruck. Aber eben deshalb erscheinen sie uns unendlich lieblich und reizvoll. Nur das Zarte ist liebenswert. Das zerbrechlichste Wesen ist der Säugling in seiner Wiege. Selbst der Roheste tut dem Wickelkind nichts. Es ist gefeit gegen Verbrechen durch seine Gebrechlichkeit. Könnten wir dasselbe von unserer Verfassung sagen, so wären wir ein gesundes Volk. Aber ganz gesund ist niemand. Wir alle streben nur danach, gesund zu sein oder zu werden. Deshalb ist es keine unbillige Zumutung, wenn ich Sie jetzt auffordere, mit mir das Lied zu singen, in dem Einigkeit und Recht und Freiheit gepriesen werden. Denn auch das Lied fordert uns nur auf. nach ihnen, d. h. nach Volksgesundheit, zu streben; die Gesundheit unseres Volkes herbeizuwünschen ist aber jedermanns Angelegenheit. Wer wollte nicht das Zarte und Zerbrechliche lieben, das in der Verfassung unseres Volkes sich vor uns hinbreitet und uns zur Pflege und zur Obhut anvertraut ist. Einigkeit und Recht und Freiheit sind nicht da. sondern es gilt sie zu verwirklichen. Daß wir uns aber aus unserer Arbeit, aus unserer Entfremdung und aus unserer Unordnung sammeln, das ist die Vorbedingung für solche Genesung. Und so brauchen wir uns nicht des Bekenntnisses heut zu schämen, daß wir dies Volk lieben. Unser} olk ist es. weilseine Verfassung von uns mit abhängt. Weil wir es zerbrechen, wir es erneuern, deshalb gestehen wir uns ein, daß wir es lieben. Lieber ist uns die Klarheit als die Verwirrung, den Tag schaffen wollen wir aus der Nacht, in Nähe verwandeln möchten wir die jederzeit drohende Entfremdung. Und wenn ich Sie jetzt zum gemeinsamen Gesang des Deutschlandliedes bitte aufzustehen, so spürt wohl ein jeder, wie anders jetzt uns allen das Wort klingt, mit dem ich Sie anrufe: Volksgenossen! 68

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