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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 67

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 67)
Language
German
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Tadel, und das ist der bequeme Weg; dieser bequeme Weg für den Einzelnen vergrößert die Unordnung im ganzen. Denn das Volk spürt jede Störung und sucht nun vergeblich den Störenfried. Und Unschuldige leiden unter diesen Untersuchungen, dieser Unruhe. Vor allen Dingen leidet aber das Volk durch das Mißtrauen, das jeden zerfrißt, weil so viele Schlechtigkeiten geschehen und so viele Biedermänner dastehen und tun als trübten sie kein Wässerlein. Mir hat immer am meisten der Wilhelm Teil gefallen in Schillers Schauspiel, das viele kennen werden. Als der den Landvogt erschießt, der ihn zum Schuß auf den Apfel vom Haupt des eigenen Kindes getrieben hatte, da stellt er sich offen und ruft: „Hier ist der Schütze. Suchet keinen andern!" Suchet keinen andern: Teil nimmt seine Tat auf sich und dadurch wird - trotzdem ein Mord geschehen ist - die Ordnung gerettet. Denn alles bleibt klar. Ich atme immer auf, wenn es heißt : Der Täter stellte sich selbst der Polizei. Wir sind durch die politischen Morde der letzten Jahre ganz verwirrt. An ihnen war das Scheußliche, daß sich niemand zu ihnen bekannte. Wo solche Feigheit zutage tritt, ist die Tat schmutzig. Wie kann sie rein sein, wenn es niemand gewesen sein will? Ich kann jedes politische Verbrechen begreifen. Aber wirken kann es nur, wenn der Täter die ordnungsmäßigen Folgen auf sich nimmt. Dann kann das Gefängnis der Welt, in dem wir leben, vielleicht leichter und freundlicher werden. Vielleicht; aber eben nur dann, wenn der Täter sich freiwillig stellt. Solch ein Mann ist frei auch in Ketten. Er hat die Mauern des Gefängnisses zerbrochen; und zwar in doppeltem Sinn. Das äußere Gefängnis ist ihm gleichgültig. Der Kerker aber, in dem w ir alle schmachten, weil wir blind mit dem Kopf durch die Wand wollen, dies innere Gefängnis ist abgefallen von ihm. Wer nicht heuchelt, sondern zu seinen Taten sich bekennt, ist immerdar frei. Er baut an der Volksordnung mit. Wer die Folgen auf sich nimmt, ist ein Mann des Gesetzes und der Volksordnung, auch dort wo er sie übertreten mußte. 4. Die Zerbrechlichkeit der Verfassung Volkswirtschaft, Volksgenossenschaft und Volksordnung bilden zusammen die Verfassung des Volkes. Ob sie gesund oder krank ist, hängt von diesen ihren drei Teilen ab. W enn auch nur einer versagt, ist es, wie w enn lauter Schwären am Volkskörper jucken und kratzen. Kein Gesetz, auch kein Nie- 67

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