Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
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EUGEN ROSEN STOCK DIE GEFANGENSCHAFT DES VOLKES Eine Rede Vorbemerkung: Der Sprecher dieser Rede war von der Universität herausgestellt worden, um am 11. August 1928 bei der Verfassungsfeier der Behörden zu sprechen. L)a3 gab dem Leiter des Breslauer Jugendgefängnisses die Anregung, dort auch eine Verfassungsfeier zu veranstalten und den Festredner um eine Wiederholung seiner Redt* in diesem Rahmen zu bitten. Jene Rede - inzwischen als „Die ungeschriebene Verfassung"" im Breslauer Akademischen Verlag im Druck erschienen - zu wiederholen, hätt>- bedeutet, von Ort und Hörern gewaltsam abzusehen. So setzten sich fünf Strafgefangene mit dem Strafanstaltsoberlehrer Kleist und dem Sprecher zusammen, um zu beraten, damit den 130 Jugendlichen und 200 Männern der Erwachsenenabteilung das gesagt werde, was ehrlich und nötig und möglich sei. Das Ergebnis war die vorliegende Rede, die zwar an keiner Stelle ihren Schauplatz verleugnet, aber auch au keiner Stelle etwa nur tur diesen Schauplatz zu gelten beabsichtigt. Sondern das merkwürdige Ergebnis ist: Die Rede vor den Behörden hätte nicht können vor den Gefängnisbewohnern gehalten werden, die t? c* Rede vor den Gefangenen aber enthält nichts gerade auf sie Eingeschränktes. So wenigstens schien es uns, und deshalb prüfe nun der Leser, ob er eine solche gültige \ olksspraehe in ihr findet. Das Fragwürdige aller Feiern, und gar einer Verfassungsfeier im Gefängnis, ist auch uns deutlich. Aber wir mußten uns gestehen, daß unsere Mäkelei und Feinschmekkerei die Feier nicht verhindert hätte. Und solche öffentlichen Anlässe dürfen deshalb nicht preisgegeben, sie müssen gestaltet werden. Männer und Jungmannen; deutsche Volksgenossen! Vorgestern abend saß ich mit einigen von Ihnen zusammen und wir berieten, was Sie heut wohl am meisten angehe und wie Sie am liebsten die Zeit auskaufen würden, die uns diese Stunde gibt. Einer nach dem andern nahm das Wort; aber alle zielten auf dieselbe Erwägung: Eine Sorge schlägt alle Gedanken tot, und je näher der Tag der Entlassung rückt, desto mehr: die Sorge um das Unterkommen, um das tägliche Brot. Die Frage: Was wird aus mir? steht riesengroß vor jedem Einzelnen. Einzeln muß er diese Frage stellen, einzeln wenn er heraustritt sie beantworten. Er ist mit seiner Hauptsorge hier ganz allein. Und draußen? Die Gefangenschaft hat aufgehört, aber nur scheinbar. Jeder läuft da seinem ersten Willen nach: dies Stück Brot, dies Stück Arbeit, dies Stück Geld, dies Mädchen, dieses Pferd - sie müssen mein sein. Atemlos keucht man der Beute nach, zu der es einen zieht. Iii dem Rennen wird man zu Boden getreten, man eckt an. Die Sprache sagt es uns, wie wir leben: „Der will mit dem Kopf durch die W and". Lnd: „der stößt sich blutig an jeder Ecke". Wir sitzen auch draußen einge- 61