Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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von der Höhe seines Wissens als etw as ihm Bekanntes, nur den andern Betreffendes glaubt hinnehmen oder gar bewerkstelligen zu können. Ablösung von der Autorität ist etwas ewig Geheimnisvolles. Sie geschieht zwischen den beiden und kann von ihnen je und je nur erfahren und gelebt, nie aber gedacht, gelehrt und gefördert werden. Der alte Tag ist zu Ende. Wir haben aus ihm gelernt. Nicht wrie wir den neuen Tag an Hand der gewonnenen Maximen einrichten und zu unserm Tag machen wollen. Wir haben mit dem alten Tag nicht nur die Höhe erfahren, sondern auch unsern Sturz in die Tiefe und wir wollen dessen eingedenk bleiben. Wir stehen in einem Anfang. Der Weg zur Höhe ist Vergangenheit. Was nun kommen wird, ist nicht Fortsetzung dessen, was wir dort planten. Es liegt verborgen im Dunkel dieser Nacht und der neue Tag wird es uns offenbar werden lassen. Diese Nacht ist die Gegenwart. In ihr wollen wir ausharren und von ihr aus lebend erfahren, was der neue Tag bringen mag. Wir meinten von der Höhe aus die Schritte der Kreatur lenken zu können. W ir w ollten das Ziel unseres Lebens bestimmen und die Kreatur auf diesem Weg vorwärts und aufwärts führen. Nun sind wir gestürzt und das Verhältnis hat sich verkehrt. Was wird die Kreatur tun ohne jene unsere Führung? Dürfen wir glauben, daß der Schöpfer bei seinem Geschöpfe steht und seine Schritte lenkt, und dürfen wir so auch erfahren, daß mit seinen, des Geschöpfes getanen Schritten uns Stück für Stück des zu gehenden Weges in diesen Alltag hinein gezeigt werde? Was bleibt uns anderes, als diesem Glauben Folge zu leisten? Erkennend, daß wir das Ziel nicht erkennen können, glaubend aber, daß es es doch gibt, wtollen w ir den Weg gehen und ihn gehend erfahren und kennenlernen. Im letzten Kreaturheft hat Weizsäcker von der „Weggenossenschaft von Arzt und Patient" gesprochen. Zu diesem Problem wollte ich einen Beitrag geben, indem ich die Szene im Sprechzimmer des Arztes erzählte und besprach. Mir scheint, daß erst jenseits der Enttäuschung deutlich werde die Wirklichkeit dieser Weggenossenschaft und die Wahrheit des Wortes: „Er ist ja nur Arzt, wenn er am Patienten krankt." Und verständlich wird schließlich von hier aus der paradoxe Satz: „Der Sinn der Krankheit ist nur vom Kranken (Kreatur) aus realisierbar, vom Arzt aus darf er nicht gefordert werden. Dem Kranken darf dieser Sinn nur ein Heil, dem Arzt nur eine Not sein." 60