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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 59

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 59)
Language
German
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erfahren, daß der Kranke heute noch auf ihn angewiesen ist. Wohl möchten beide am liebsten hier davonlaufen! Aber wohin denn? Sie haben ja kein Ziel mehr, wie früher. So bleibt er. Grad als ob es auf diesem Trümmerfelde der Enttäuschung noch etwas aufzuräumen gäbe! Was haben sie noch miteinander zu schaffen? Aus ihrem dumpfen Gegenüberstehen löst sich zögernd, in immer neuen Ansätzen das wechselseitige Eingeständnis des eigenen Unvermögens und Versagens heraus. Einer gibt sich dem andern zu erkennen. Mal um mal entschlossener, diese gegebene Situation nicht mehr zu überspringen und zu korrigieren. Der Wahn, daß es das fertige ausdenkbare Ziel gebe und den Lehrer und Führer dahin, weicht diesem bekenntni*- haften Sieh-Auftun. Und so sammeln sie sich ein. finden sieh ein in der Wirklichkeit, deren Sinn sich ihnen nur durch das gelebte Leben selbst und nicht anders offenbaren kann. Die Ablösung von der Autorität des Arztes als dem Führer ist wahrlich eine große Sache. Sie läßt sich nicht methodisch vollziehen. Alles aktive Herbeiführen-Wollen schafft ihr nur entgegen. Man kann ihr nicht c? c? zuvorkommen. Sie geschieht unerwartet, überstürzend, ereignishaft. Ablösung wird erlitten. Und dies nicht nur vom Geführten, sondern auch vom Führenden. Die Vision der Heilsgestalt, die Theorie, die der Arzt lernend und lehrend geschaffen und festgehalten hat, zerbricht auch für ihn. Und er muß dies geschehen lassen. Opfert er sie nicht und hält sie fest, dann vollendet sich das Drama in seinem Rücken, ohne ihn. Wir dürfen uns hier in allem Ernste die Frage stellen: Ist der Beruf des Arztes beschlossen innerhalb der Grenzen seiner Autorität und Führerschaft? Tritt er aus seinem Beruf heraus, wenn er unter dem Gebot der Not diese Schranke zerreißt? Hört an dieser Grenze sein Wirken als Arzt auf, oder beginnt es hier erst eigentlich? Ist er nicht gerade hier im Begriff, sein Arzt-Sein im tiefsten und entscheidendsten Sinne zu leben? Und droht er nicht anderseits, indem er den Menschen der Theorie opfert, seine wirklichste Berufung zu verfehlen? Ablösung des Kranken von seinem Führer und Ablösung des Arztes von seiner Theoriebildung reichen sich die Hand. Sie entsprechen einander. Sie sind eines. Der Vorgang ist ein bipersonaler. Für beide gleichermaßen gilt die Forderung der Aufgabe ihrer Sicherungen. Der Arzt wendet sich von seiner Aufgabe ab, wenn er die Ablösung des Kranken 39

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