Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
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die Wirklichkeit hin gerichtet sind, daß sie nicht mehr taugen. Sie stehen wie in einem Dunkel. Das Licht der Höhe ist verlöscht. Die Lautheit des mitgebrachten Wissens ist verstummt. Der alte Tag ist dahin. Laotse gibt im 71. Kapitel seines Tao Te King*) eine nicht leicht zu verstehende, jedoch sehr tiefgründige Formulierung dieser Erfahrung: ..Erkennen das Nicht-Erkennen ist das Höchste. Nicht erkennen das Erkennen ist Krankheit. Wen nur die Krankheit kränkt, der ist dadurch nicht-krank. Der heilige Mensch ist nicht krank, weil ihn seine Krankheit kränkt. Daher ist er nicht krank." Es gibt kein Wissen um die Gesundheit, mit dem wir die Krankheit überwinden könnten. Die Gesundheit, die wir außerhalb der Krankheit suchen und anstreben, ist eine Abstraktion, ist Stillegung des Lebens. Wirkliche Gesundheit ist in der Krankheit selbst verborgen und kann nur aus ihr gehoben werden. Nicht aber von oben her. Nicht wie ein Fischer mit seinem Netze die Fische aus dem Wasser zieht. Die Höhe, der eigene Plan muß geopfert werden. Im Kranksein selbst muß der Mensch sich einfinden und muß es tragen. Wie Christophorus das Christuskind trägt. Nicht wissen wollend, wohin der Weg führt, nur daß er führt, und daß er ihn wirklich geht. Die Erfahrung des Kranken mit seinem Arzte kann auf diese wirkliche Hilfe hinführen. Doch zwischen dem, was und wie sie erstrebt wurde, und dem Ereigniswerden wirklicher Hilfe wird immer ein Abgrund sein. Der verfolgte Plan entwickelt sich, bis er ad absurdum geführt ist. Er wird in allem Ernst aufgenommen, mit den besten Methoden und im festen Glauben, daß er zum Ziele führe, verfolgt. Daß er am Abgrunde endet und mit dem Durchbrechen und Fallen in diese Tiefe aufhört, konnte nur erfahren werden. Nicht aber ausgedacht und vorhergesehen! Der Arzt und sein Kranker haben getan, was in ihren Kräften lag. Sie lernten aus der Gegebenheit des vergangenen Lebens, zogen daraus die Lehre und strebten im guten Glauben dem daraus sich als Vision ergebenden Heilziele zu. Gewiß nicht ahnend, daß dieser Weg in jener Katastrophe endigen werde. Durften sie es denn ahnen? Sie hätten sonst das Ihrige nicht getan. Nun ergibt sich die Frage, ob mit dem Zerbrechen des Heilplanes und dem Zunichtewerden der Führergestalt die Person des Arztes überflüssig geworden ist. Dem ist nicht so. Fast zu seinem Leidwesen muß er *) Übersetzung von Viktor von Strauß, 1870. (Neuauflage 1924 im Verlag der „Asia major", Leipzig.) 58