Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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hier Lehrer und Führer. Lehrend und belehrend meint er die Wirklichkeit, dem Kranken aber bildet sich alles ein als vorgestellte, gedachte Gestalt. Der Ort der Zusammenkunft ist das ärztliche Sprechzimmer. Feste Mauern und Doppeltüren schützen den Kranken vor dem Eindringen der Wirklichkeit. In ruhiger Schau kann er hier die Erinnerung aus alter und jüngster Vergangenheit vergegenwärtigen, sichten und ordnen. Er erzählt aus seiner Jugendzeit, seinem Elternhaus, von seinen Freundschaften und Liebschaften, von Zukunftsträumen und Enttäuschungen, von seinen heimlichen, verborgenen Gedanken und Gewohnheiten. Er erzählt seine Geschichte. Und indem er dies tut und daraus lernt, schafft er sie zugleich. Er sieht sich in ihr als Geschöpf, dem all das widerfahren ist. Und er sieht dies Geschöpf, wie wenn es eine andere, eine dritte Person gewesen wäre. Er gewinnt Abstand, unterscheidet sich, trennt sich. Es ist der Weg der Auseinandersetzung, der Weg der Tndividuation. Und das Ende dieses Weges ist das „Auseinandergesetztsein46, die Individualität, das Alleinsein. Dieser Weg ist eine Entwicklung, eine Enthüllung. Er hat darum auch ein Ende. Irgendwann und wo ist das Sich-Enthüllende enthüllt. Der Mensch selbst in seiner Nacktheit, die personhafte Individualität wird frei und entdeckt sich in ihrer unersetzbaren, unvergleichbaren Einzigkeit, in ihrer verantwortlichen Präsenz. Das Neuerstehn und Hervortreten der menschlichen Person wird gedacht als Ende und logische Folge der Individuation, als das Reifwerden der Frucht. Der Prozeß erscheint als eine Stufenleiter, als ein - von gelegentlichen Regressionen unterbrochenes - Aufsteigen von einem naturhaft gebundenen Zustand zur geistigen Welt. Als Ziel dieses Aufstiegs, als Preis und Krönung für die Mühe wird die freie, schöpferische Persönlichkeit gesehen und erwartet. Mit der Erlangung dieses Preises soll der Sinn des Lebens sich erfüllen. Die Individuation geschieht aber auf Kosten der Wirklichkeit. Von ihr weg, von der wirklichen Welt der Verbundenheit weg schreitet der Sich-Individuierende einer gedachten Ordnung zu. Es lockt ihn die Vorstellung und der Wunsch nach Ungebundenheit und Freiheit. Er sieht die ..Höhe" und strebt ihr zu. Dieser Aufstieg aber ist sein Fall. Er glaubt oben anzukommen, glaubt der endlichen und endgültigen Sicherheit nahe zu sein und da geschieht unerwartet, unvorhergesehen das Durch- 56