Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 55)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich ergebe mich. Und so lasse ich aufkommen und recht behalten jene Anklage, daß ich versagt habe, daß ich ein schlechter Arzt bin, daß ich ihm nicht habe helfen können, nicht geholfen habe. Und so scheint denn nun auch alles verloren zu sein. Auf was wollen wir noch hoffen? An was noch glauben? Auf was soll sich seine Zuversicht noch stützen? Ich mag nicht mehr nachdenken. Kann ich denn nichts mehr für ihn tun? Dies alles erfährt der Kranke von mir. Aus dem Schweigen löse ich es mühsam und stoßweise heraus. Es ist das einzige und das Reellste, was ich ihm noch geben kann. Es ist die Wahrheit meiner faktischen Erfahrung. Und wenn dies das Ende der Behandlung sein soll - was weiß ich darüber Gewisses in diesem Augenblick? - dann habe ich doch wenigstens in der Wahrheit mich von ihm getrennt. Und wo er nun auch sich hinwenden mag, so weiß er wenigstens, daß ich sein unaufgelöste* Kranksein wahrgenommen und für wahr gehalten habe, und daß ich mein Wissen um diese Tatsache wie eine Schuld trage und seiner gedenke. In diesem Verständnis trennen wir uns. Es bleibt tatsächlich ungewiß, ob wir uns wiedersehen werden. Ich habe den Kranken mit meinem Geständnis nicht von mir gestoßen. Ich habe nur mit ganzer Rückhaltlosigkeit aufkommen lassen die Einsicht, daß von mir aus irgendeine bestimmte Entscheidung für sein Geschick nicht zu erwarten ist. Er hat es in vollkommener Resignation erfahren, daß ich nicht im Besitz dessen bin, was er für sein Leben sucht und braucht. Der letzte Schein ist geschwunden. Die Krücken sind gefallen. Was nun? Diese Szene im Sprechzimmer steht ganz in der Wirklichkeit. Sie geschieht unter der Gewalt der Notwendigkeit und ist frei von jeglicher Willkür. Weder dem Arzt, noch dem Kranken konnte es je einfallen, in dieser Richtung zu tendieren. Im Gegenteil, sie suchten, wenn je zuvor Anzeichen in dieser Richtung deuteten, nach besten Kräften dagegen zu steuern. Trotz ihrem Dagegen-Tun mußten sie es so erfahren. Wie können wir dieser Situation gerecht werden, sie verstehen? Der Heilplan des Arztes, wie er sich während der Behandlung im Zusammenarbeiten mit dem Kranken entwickelt, führt unwillkürlich hinweg von diesem Alltag. Er leitet eine geistige Entwicklung ein, deren Ende nicht die Wirklichkeit ist, sondern ein Bild von ihr. Der Stoff, der verarbeitet wird, ist das vergangene, zurückgelegte Leben. Auf es zurückblickend wird gelernt und aus dem Gelernten die Lehre gezogen. Der Arzt ist 5 >