Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
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die zu beschreiben und zu benennen wäre, die ich konfrontieren und behandeln könnte. Sie hat keine Grenze mehr, die ich überschauen kann. Damals - in der guten, alten Zeit - wurde sie merklich kleiner und kleiner. Sie schien auf einen Punkt hin zu weichen. Und nun ist es gerade, als ob dieser Punkt inzwischen geplatzt wäre, um seither den Raum, in dem vir sind, mit Kranksein zu füllen. Sie liegt heute wie etwas Atmosphärisches um uns herum und es ist unmöglich, sie irgendwo zu fassen. Bin ich denn wirklich dumm geworden und unfähig? Oder wie kann ich mir diese Veränderung erklären? Freilich, der Kranke ist auch nicht mehr derselbe. Er ist nicht mehr vertrauensvoll und willig. Er brütet oft in sich hinein, ist nachdenklich und grüblerisch. Manchmal sieht er mich forschend, fast mißtrauisch an. Er trägt einen Groll im Herzen gegen mich. Was habe ich ihm denn angetan? Warum ist er denn unzufrieden mit mir? Hab' ich denn nicht mit Umsicht und Wohlwollen ihm beigestanden, mich für ihn bemüht? Bin ich denn nicht stets auf all seine Not eingegangen und habe ihm mein bestes und tiefstes Wissen zur Verfügung gestellt? Seine Unzufriedenheit und Schwere verdrießt mich. Ich möchte ihm Vorhaltungen machen, ihm eine Lektion erteilen. Aber was will ich? Ich stehe ja selbst unter seiner Anklage. Ebenso unfreiwillig wie ich ist er mein Ankläger geworden. Und er hat hier doch ein Vorrecht. Die Wirklichkeit selbst, dies unaufgelöste Kranksein, schützt ihn. Er ist doch als der Hilfesuchende zu mir gekommen, hat mich für meine Bemühung bezahlt und diesen Zustand von heute erfährt er selbst doch als bittere Enttäuschung. Wiederholt habe ich ihn schon gefragt, ob er es nicht vorziehen wolle, wegzubleiben, oder einen andern Arzt aufzusuchen? Er ging nicht. Sein Groll verschärfte sich nur. Was will er denn noch? Ich bin wie sein Gefangener. Da sitzt er und läßt mich nicht entweichen. Er sitzt mir im Nacken. Er verfolgt mich im Traum. Er weicht nicht und die Krankheit - seine Anklage gegen mich - weicht auch nicht. Wir sind wie Gefangene. Da lasse ich die Frage aufkommen: Waren wir denn nicht früher auf dem „richtigen44 Wege und sind nun gestolpert? Wollen wir nicht versuchen, jenen Weg wieder aufzunehmen? Doch auch dieser Versuch ist uns ja mißlungen. Wie das letztemal, so glaubten wir schon oft, den Weg wieder gefunden zu haben und ihn nun gehen zu können. Aber immer mündete unsere Anstrengung in diesen Abgrund. Und am Ende aller Enden resigniere ich nun und mag nicht mehr ankämpfen. 54