Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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HANS TRÜB EINE SZENE IM SPRECHZIMMER DES ARZTES Im Wartezimmer sitzt ein ganz bestimmter Kranker. Ich gehe zur Tür. Da zögert meine Hand und tut nicht auf. Ich bleibe einen Augenblick stehen. Dann gehe ich auf und ab und sinne nach. Was ist denn das für eine Unruhe in mir, was schnürt mir so die Brust ein? Was hab" ich denn? Wann sah ich ihn zum letztenmal? Was war da los? Ich möchte mich orientieren, möchte einen Halt finden. Ich kann mich aber nur mühsam darauf besinnen. Jene Stunde war doch gut. Wir hatten Hoffnung geschöpft, einen Weg gesehen. Ich war doch erleichtert, als wir uns trennten. Nun, es wird auch heute irgendwie gehen! Mit einem Ruck wende ich mich zur Tür und öffne. Und nun sitzen wir uns schon eine ganze Weile schweigend gegenüber. c5 r? n n Auf meine übliche Frage, wie es gehe, ist die Antwort ausgeblieben. Ich lese sie aus seiner Haltung und Miene: Immer dasselbe, Sie wissen es ja schon, eher schlimmer! Da lastet etwas wie Blei auf meiner Seele. Kin unaussprechbarer Vorwurf dringt auf mich zu. Alle die Fragen, die ich an den anderen richten möchte, um diesem dumpfen Schweigen zu entrinnen, sinken kraftlos in mich zurück. Ich hatte sie ja schon oft gestellt. Ich weiß ja avich schon seine Antworten. Wieder suche ich in den Erinnerungen. Der Kranke ist schon seit v ielen Monaten in meiner Behandlung. Es gab eine gute Zeit. Schon gleich mit seinem Eintritt setzte die Besserung seiner Leiden ein, die Fortschritte waren erfreulich. Sie fielen sogar seiner L mgebung auf, die von der Behandlung nichts wußte. Und heute kommt es mir vor, als ob das alle* nicht wahr gewesen wäre. Zwischen damals und heute ist ein Abgrund aufgebrochen, über den zurück keine Brücke mehr zu führen scheint. Dort eine gehoffte und geglaubte Gesundheit und hier die Krankheit. Dort lichte Vergangenheit, hier dunkle Gegenwart. Eine ganz und gar verkehrte Sachlage. Es ist zum Davonlaufen. Früher fühlte ich mich der Krankheit gewachsen. Ich kannte mich bald aus mit ihr, war sicher in meinem Verstehen und treffsicher in meinen Deutungen und Ratschlägen. Und der Kranke war sehr aufmerksam, aufgeschlossen und willig und überließ sich meiner Leitung mit einem bedingungslosen Vertrauen. Und heute ist es so merkwürdig. Es ist gar keine Krankheit mehr da, 53