Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
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den Grisebach nicht mit allen Erkennenden teilt. Dieser Satz hat einen Sinn, der „für das kritische Ohr durchaus nicht allgemeinverständlich sein kann, denn hier ist etwas als entscheidend in das allgemeine Wesen hineingelegt, das der allgemeine Verstand nicht als zum Wesen des Menschen gehörig verstehen kann". Wenn Grisebach sagt: ,,Das satanische Selbst hat sein Sein in der Wahrheit. Es spricht in der Haltung des nie Gegenwärtigen das Urteil über sich selbst, indem es sich böse nennt. Es denkt und schaut und will sich in reiner prinzipieller Egoität", so ist mit diesen Sätzen nicht bloß gesagt, daß es sich so denkt, sondern auch, daß es sich so denkt und will. Diese Grenzüberschreitung ist unvermeidlich, wenn eine Aussage überhaupt einen Sinn haben soll; aber Grisebach geht sogar noch weiter, wenn er sagt, daß dem Selbst dieser Charakter nicht bloß in einzelnen Fällen, sondern wesentlich zukommt. Unter der Voraussetzung des satanischen Charakters des Selbst und seiner Eingeschlossenheit in seine eigene unendliche Welt, die autonom und beziehungslos neben der Wirklichkeit steht, ist wohl eine Selbstbesinnung möglich, aber Selbstbesinnung ist noch keine Kritik. Ernsthafte, nicht bloß unverbindliche, formale, fiktive Kritik ist Umkehr, ist Buße: wie die Buße nicht die Vorbereitung des sündigen Menschen aus eigenen Kräften für den Empfang der Gnade der Vergebung, sondern selber schon Gnade ist, so ist auch die Kritik nicht Vorbereitung für die Erfahrung der Gegenwart, sondern selber schon Gegenwart. Die Möglichkeit der Kritik ist die Gewähr, daß es eine Brücke gibt über den Abgrund der Sphären, ja, daß die Sphären überhaupt nicht durch einen Abgrund voneinander getrennt sind. Nur die Spaltung der Sphären, die nicht wirklich, sondern eine bestimmte prinzipielle Auffassung ist, ist es, die auch die Kritik und die Erfahrung des Leides in ein Vorher und Nachher auseinandergespaltet, während in Wahrheit Kritik und Erfahrung, Buße und Leid ein einheitliches Tun und Leiden ist, bei dem es kein Vorher und Nachher gibt: ohne Bereitschaft zur Kritik keine Erfahrung, ohne Erfahrung keine Bereitschaft zur Kritik. Schluß Grisebach wendet sich in seinem Buche ausschließlich gegen die prinzipielle Erkenntnis, die den Anspruch auf die Totalität der Wirklichkeit einschließt. Seine Kritik überschreitet aber ihre Grenzen, da er ihr Er- 51