Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie warnt vor Selbstbetrug und Selbstüberschätzung aller auf den wesentlichen Sachverhalt sich gründenden und aus ihm schöpfenden Erkenntnisse. Sie lehnt die Zuständigkeit aller theoretischen Bemühungen für die ethische Wirklichkeit ab, selbst die konstitutive Bedeutung dieser Ablehnung.44 Die kritischen Aussagen sagen also nichts Wirkliches aus. Sie können der humanistischen Welt keine Grenze setzen, sondern können sie nur rein erhalten, indem sie das „Mehr", das ihr nicht gehört, ausscheiden. Indem sie die humanistische Welt rein zu erhalten suchen, dienen sie ihrem Aufbau, nicht ihrem Abbau. Aber was wird nun damit aufgebaut? Wahrheiten, die keine Wirklichkeit sind. Wahrheiten, die standpunktslos und unverbindlich, nur ins Unendliche gerichtet und ohne Bezug auf die endliche Wirklichkeit sind, die sich aller Betonung und Entscheidung enthalten, also leer und gewichtslos bleiben. Läßt sich aber etwas aussagen, ohne daß zugleich Etwas ausgesagt wird? Läßt sich von Wahrheit sprechen, wenn schon die Möglichkeit ausgeschlossen ist, daß sie sich auf Wirkliches bezieht? Wir können uns des Sprechens und Denkens nicht enthalten wrie indische Mönche, aber wir können auch nicht sprechen und denken und uns des Etwas enthalten. Das ist eine unmögliche Forderung, denn auch diese Sphären lassen sich nicht voneinander trennen. Auch Grisebach selber vermag das nicht. Denn können solche Aussagen auch nur Warnungen aussprechen, können sie auf etwas vorbereiten, etwas fordern, vor eine Entscheidung stellen, wie Grisebach es tut? Es ist ein Irrtum, wenn er glaubt, damit noch innerhalb der Grenze der humanistischen Welt zu bleiben. Das Mindestmaß an kritischer Tugend, das die Kritik erst möglich macht, weil es die Abgeschlossenheit sprengt, reicht schon aus, um von außen, von der Gegenwart her zu sprechen. In Wahrheit ist das Urteil, daß das Selbst seinem Wesen nach böse ist, wenn es auch seiner Form nach ein Selbstbesinnungsurteil ist, doch ein Werturteil - denn innerhalb der humanistischen Welt wäre kein Grund, es auszusprechen - und es überschreitet die Sphäre der Selbstbesinnung, denn es wird Wirkliches damit ausgesagt und nicht bloß vom Selbst im Akte der Selbstbesinnung, sondern von der menschlichen Natur überhaupt. Es sagt nicht bloß Wirkliches aus, sondern es sagt sogar Wirkliches mit prinzipieller Betonung aus. Es ist damit eine bestimmte Auffassung des menschlichen Wesens ausgesprochen und ein Standpunkt eingenommen, 50