Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2823768-2823769-2823771--1031-2824117- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Totalität. Wir beteiligen uns also hier nicht an ihrem verdienstlichen Ausbau, sondern wir unterziehen sie der Kritik von einer Position aus, die wir mit allen Erkennenden teilen. Wir wollen die Welt der Erinnerung in ihrer eigentümlichen Wesensart rein zu erhalten versuchen." Die kritische Selbstbesinnung, die die Reinhaltung der Erkenntnis von einem „Mehr" bezweckt, hat nur eines voraus vor der humanistischen Welt: Wahrhaftigkeit und Redlichkeit, denn „die Identifizierung von Wahrheit und Wirklichkeit ist mit Wahrhaftigkeit nicht zu vereinbaren44. Die kritische Methode ist also nur Werkzeug und nicht eine neue Standpunktsphilosophie, wie auch die Erkenntnis nach Abwehr ihrer Vermessenheit, ihrer dogmatischen Ansprüche, nur Werkzeugcharakter behält; Werkzeug aber nicht zur Erkenntnis der Wirklichkeit, sondern nur zum Aufbau der humanistischen Welt, die ihrerseits reiner, un-bedingter, d. h. durch nichts außer ihr bedingter, autonomer Selbstzweck ist. Ihr Sinn ist allein, die Welt zu beherrschen. Der prinzipielle Charakter der Untersuchung Die Umrisse des Grisebachschen Denkens sind nun deutlich. Sein Kampf gegen die Innerlichkeit, die humanistische Welt, die Erkenntnis ist ein Kampf gegen das prinzipielle Denken. Darin sind wir einig. Der Unterschied liegt darin, daß der prinzipielle Anspruch für Grisebach wesensmäßig mit dem Denken verknüpft ist, so daß sein Kampf zu einem Kampf gegen das Denken überhaupt wird, sofern es nicht nur formales Werkzeug ist, - ja, es muß gesagt werden, zu einem prinzipiellen Kampf gegen die Erkenntnis, gegen die „humanistische Welt in ihrer Totalität". Wenn er sagt: „Der Erkennende verfügt über ein Außen nicht, ohne es zum Innen zu machen", so ist damit nicht nur gesagt, daß der prinzipielle Anspruch dem Anspruch der Wirklichkeit, der vom Augenblick der Gegenwart geforderten Entscheidung im Wege steht, sondern es ist jede Möglichkeit der Erkenntnis, sich unprinzipiell auf die Wirklichkeit zu beziehen, geleugnet. Diesen Sinn hat die vollkommene Spaltung der humanistischen Welt und der W irklichkeit. Daß die Erkenntnis als Erinnerung für die Gegenwart nichts aussagt, ist gewiß wichtig, aber doch für verschiedene Erkenntnisse in sehr verschiedenem Grade, der von ihrer zeitlichen Bedingtheit abhängt. Es ergibt sich daraus die Mahnung, der Erkenntnis 46