Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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uns, dem Anspruch auszuweichen, statt ihm standzuhalten. Das ist eine Banalität, von der jedermann spricht, die aber keiner ernst nimmt. Hier wird sie jedoch unerbittlich ernst genommen. „Ein Abgrund tut sich auf zwischen der erkannten Gegenständlichkeit der Geschichte und der nie erkennbaren Gegenwart. Alle Versuche, die Brücke zu bauen, sind vergeblich. Die Diskrepanz von Norm und Leben läßt sieh niemals theoretisch überwinden". Die Philosophie lebte davon, daß sie diesen Anspruch erhob. Grisebach sagt dagegen, daß die Erkenntnis nie so nahe an das Sein herankommt, daß sie aufhörte Erkenntnis zu sein; daß es keinen Weg gibt vom Erkannten zum Wirklichen und daß sich darüber nicht klar sein die Wirklichkeit verfehlen heißt. Das philosophische Grundproblem des Buches ist also das Verhältnis von Denken und Sein. Dieses Verhältnis kann auf vierfache Art gedeutet werden: 1. Denken und Sein sind identisch. 2. Denken und Sein schließen sich vollkommen aus. Man kann hier auch von einer negativen Identifikation sprechen, denn wie dort beide Welten sich Punkt für Punkt entsprechen, so ist hier gesagt, daß sie sich Punkt für Punkt nicht-entsprechen. 3. Denken und Sein stehen im Verhältnis der Spannung zueinander, die danach strebt, aus sich heraus dialektisch sich in der Synthese aufzuheben. 4. Denken und Sein decken sich weder vollkommen, noch schließen sie sich vollkommen aus, doch ist die Möglichkeit einer teilweisen Deckung und damit einer Beziehung zwischen beiden Welten vorhanden. Diese Möglichkeit kann allgemein weder begründet noch gesichert werden, sondern sie bleibt offen. Es sei vorweg gesagt, daß Grisebach, um jede Vermischung und Trübung, jeden Ubergriff aus der einen in die andere Welt zu vermeiden, die absolute Trennung der beiden Sphären fordert. Er ist nicht mit einem Vorbehalt zufrieden und läßt auch nicht die Möglichkeit einer Beziehung bestehen, sondern führt die Spaltung bis zur äußersten Konsequenz durch. Hier liegt die Aufgabe der kritischen Philosophie. Das ethische Problem „Die kritische Philosophie kämpft gegen die Philosophie selbst und ihre unbegründeten Ansprüche. Die einzige Beziehung, die die kritische Philosophie zu ihren Zeitgenossen unter den Philosophen aufnehmen kann, ist dieser Kampf, diese Destruktion ihrer absoluten Systeme." 39