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Die Kreatur · 1929-01-01 · Heft 1 · page 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
3 (1929-1930)
Issue
Heft 1
Date
1929-01-01
Page
– (sequence 36)
Language
German
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neue Denken als in Frage gestellt angesehen werden muß. Das kritische Denken als ein altes, dem spekulativen Denken immer widersprechendes Denken, kann nur die eine technische Aufgabe haben, alle positiven Ansprüche der Spekulation auf Existenz in einem Offenbarungsdenken abzuwehren und die Mißverständnisse mit Bezug auf das Problem der Existenz zu beseitigen, wie sie hier zutage traten. Es besitzt deshalb nicht den Grund der einzigen Wirklichkeit, sondern es klärt nur wissenschaftlich über die menschlichen Seinsweisen des Humanismus auf. Es weist immer wieder auf die unüberbrückbare Kluft zwischen der humanistischen Welt und der Gegenwart als Krisis der Erkenntnis hin. Die Problemlage der menschlichen Existenz als Infragestellung und Anfechtung der Erkenntnis ist aber nicht ein neuer Seinsgegenstand, von welchem man wieder durch ein „neues" offenes Denken dialektisch und bescheiden Auskunft geben könnte. Sie ist auch nicht nur ein logisch Unterschiedliches von der Erinnerung, sondern der problematische Ort und die problematische Zeit, wo alle Erinnerung und alles logische Unterscheiden jeweils in Wirklichkeit am Ende ist. Zu diesem Ort und Augenblick gibt es von der Erkenntnis aus keinen Zugang, da es sich hier um die nur zu erfahrende Begrenzung des erkennenden Menschen handelt. Das „neue" Denken Herrigels, das die Brücke schlagen will, ist, genau besehen, auch nur ein altes Denken, das den Gegensatz von Erkenntnis und Glaube, von Philosophie und Theologie durch die Voraussetzung des Paradox überwinden möchte. Solches dialektisches Denken läßt es allerdings selbst unentschieden, ob die Erkenntnis je zur Wirklichkeit gelangt, d. h. am Absoluten in Wirklichkeit teilhat. Die natürliche Erkenntnis stellt sich damit unter den Vorbehalt der Gnade, sie ist in der Tat zugleich philosophisch und theologisch, d. h. für den Glauben als Gnade offen. Aber die Frage, die wir zum Schluß an Herrigel stellen müssen, ist die: Ist der Vorbehalt der Gnade und die Voraussetzung des Paradox in Wirklichkeit schon Begnadung oder bewirken beide nur eine Spannung des Erkenntnisprinzips? Theoretisch kann allerdings keiner Erkenntnis die Aussicht auf Begnadung abgesprochen werden, aber es kann apodiktisch geurteilt werden, daß der theoretische Vorbehalt die Brücke zur Wirklichkeit selbst nicht schlagen kann. Es ist bemerkenswert, daß das angeblich neue Denken Herrigels durch sein dialektisches paradoxes Grundprinzip diesen Vorbehalt ebenso 36

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