Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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darüber hinwegtäuschen, daß es sich bei solcher Behauptung um eine prinzipielle Erkenntnisweise handelt, die Sein und Schauen identifiziert, auch wenn sie die Beziehung beider und damit die Entscheidung über die Wirklichkeit offen zu lassen scheint. Die wirkliche endliche Welt aber liegt gar nicht in diesem Gesamtraum und seinen spekulativen Zeitläuften, sondern sie bleibt als Problemlage der Erkenntnis völlig außerhalb der humanistischen Welt. Sie ist gar nicht eine theoretisch zu bewältigende Gegenständlichkeit, d. h. sie ist unter der Voraussetzung der Identität oder Nichtidentität von Denken und Sein nicht zu erfassen, weil der Hinweis auf die Krisis nur die Erfahrungswelt andeutet, in der die Begrenzung allem Denken, also auch dem „existentiellen" Schauen, widerfährt. Der entscheidende, Wirklichkeit gewährende Grund aber bleibt in der Problemlage der Erkenntnis außerhalb aller spekulativen Systemkreise. Die Erkennenden werden sich gegenseitig nur solange wirklich begrenzen, als die Momente der Gegenwart, die von einander geschiedenen Menschen, die Verfügung über das Absolute nicht in ihren Systemen zu besitzen meinen. Weil nun diese problematische Gemeinschaft der Menschen außerhalb aller Erkenntniszirkel bleibt, so gehört sie als Krisis der Erkenntnis nie der Erinnerung an. Nur in der Praxis wird das Problem einer Gemeinschaft wirklich gestellt, w7o jedes prinzipielle Denken versagt, weil es diese Gemeinschaft niemals als die wirkliche Existenz rechtfertigen kann. Hier öffnet sich ein Raum für das Problem der Religion und der Gnade, das keine philosophische oder theologische Konstruktion mehr lösen oder einbeziehen kann. Deshalb kann nur auf diesem Boden der Erfahrung und des Glaubens eine endgültige Wandlung alles und jedes systematischen Denkens sich vollziehen. Aber nach dieser Wandlung darf man nicht mehr behaupten, ein neues Denken" gewonnen zu haben, das zulänglicher und tragfähiger sei als das idealistische Denken. Alles prinzipielle Denken, das idealistische wie das phänomenologische Schauen, das gläubige Wissen wie der wissende Glaube gelangen niemals zu der Begründung der einzigen endlichen Wirklichkeit. Auf dem Felde der problematischen Wirklichkeit und Gemeinschaft ist es mit aller Wendung der Weltanschauungen, mit jeder ..Revolutionierung" des Weltbildes zu Ende, weil nun in der Tat keine neue Erkenntnisweise zum Aufbau der ethischen Existenz mehr zuständig sein kann. 34