Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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vorweggenommen? Handelt es sich doch hier um ein Bild der besonderen Situation, wie dort im Idealismus um einen allgemeinen Begriff von Gemeinschaft, Politik und Geschichte. Ist dieses geschaute Bild nicht ebenso eine prinzipiell begründete Erkenntnis, die allerdings im Gegensatz zur absoluten Geltung relativ bleibt? Wir können zugeben, daß mit dieser Erkenntnisweise schon etwas für die Geisteswissenschaften gewonnen wird, wenn man eine so begründete historische Wirklichkeit in ihrer Besonderheit in den Vordergrund stellt. Überall in der Pädagogik, in der Jurisprudenz, in der geisteswissenschaftlichen Forschung, selbst in der Theologie, wird solehe endung zum Relativismus, zur eingehenden Würdigung einer besonderen Situation in der Zeit begrüßt. In der Gesetzgebung wirkte sich dieses neue Denken z. B. im Strafrechtsentwurf aus. Der Täter, das Milieu des Einzelnen tritt wTieder in den Vordergrund. Man mag deshalb berechtigte Hoffnungen auf die Berücksichtigung dieser besonderen Welt und ihre neuartige Begründung setzen; aber was ist denn mit der Voraussetzung der Existenz des Denkens nicht alles schon systematisch entschieden? Das Denken dient als dynamische Funktion dem besonderen natürlichen Sein. Es ordnet sich einer Autorität unter, die im ontologischen Prinzip begründet wird. Geist und Natur verknüpfen sich zu einer Dialektik, die den Entwicklungsgang der Geschichte wahrhaft deutet. Die dialektische Deutung ist zwar eine andere, als sie der Idealismus anbietet, aber es handelt sich hier ebenso um eine unter bestimmten \ oraussetzungen erkannte und erinnerte Seinswelt, die deshalb noch nicht wirklicher ist, weil sie aus der Spannung der Prinzipien, und noch nicht endlicher i.^t, weil sie aus der Begrenzung durch ein absolutes Ziel erklärt wird. Das Wesen der aus diesem neuen Denken gewonnenen unendlichen \\ elt i^t o sorgfältig zu prüfen. Ist die Gemeinschaft, die Politik, die Erziehung, die so begründet wurde, realer als die Gegenständlichkeit des Idealismus? Wie würde Herrigel ihre Realität ausweisen? Herrigel ist ehrlich genug, diesen Ausweis nur durch Hinweis auf seinen Glauben zu geben. „Glaube und Wissen gehören zusammen, wie Kern und Schale.** Das neue Denken bleibt prinzipiell und ist sogar dogmatisch. Es glaubt in der Tat mit der Voraussetzung der Existenz denkend und sehend schon in der Schöpfung, in einer einzigen wirklichen Welt zu stehen. Diese neue Erkenntnis weise stellt sich somit als ein dogmatisches ontologisches System heraus, das 31