Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 3 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1
- Date
- 1929-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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EBERHARD GRISEBACH ALTES UND NEUES DENKEN Kritische Bemerkungen und Fragen zu Hermann Herrigels Buch „Das neue Denken "*) Es kann heute nicht mehr bezweifelt werden, daß sich eine Wandlung des Denkens nach dem Weltkriege in Deutschland vollzogen hat und noch vollzieht. Alle diejenigen, welche glauben, daß es möglich sei, die bewährten Systeme des Idealismus oder Positivismus noch einmal als Grundlagen eines Aufbaus in ethischer Hinsicht anzubieten, sind ganz gewiß im Irrtum. Auch alle diejenigen, welche hofften, es würde durch die politische Umwälzung Raum für oppositionelle neue Systeme geschaffen wrerden, müssen vorläufig zur Vorsicht gemahnt werden. Eine „Revolutionierung" einer Zeit bedeutet noch nicht, daß damit das „neue Denken" schon gewonnen ist, denn die neuen Systeme müssen erst einmal sorgfältig geprüft werden, ob sie tragfähiger sind als die alten. Wir haben deshalb alle Ursache aufmerksam hinzuhören, wo uns, wie in Hermann Herrigels Buch „Das neue Denken", von einer Wandlung des heutigen Denkens sachkundig berichtet wird. W ir werden da orientiert über den auf vielen Punkten geführten Kampf gegen den Idealismus und seine unberechtigte Uberschätzung. Herrigel gehört ja selbst seit langem zu den scharfsinnigsten Kritikern der idealistischen Philosophie, und seine hier zusammengefaßten Arbeiten der letzten Jahre erhalten gerade durch diesen Kampf ihre Einheitlichkeit und ihre große Bedeutung. Man geht nun an die Lektüre dieses Buches mit der brennenden Frag«4 heran, ob das neue Denken, von dem es berichtet, ein Oppositionssystem ist oder ob es vielleicht schon eine Wandlung in der Schätzung alles systematischen Denkens ankündigt. Wir wissen ja heute als Kinder eines historischen Zeitalters von mannigfachen Wendungen und Wandlungen der Philosophie in der Geschichte. Wir wissen, daß die Einstellungen des Gedankens nach einem Grundgesetz des menschlichen Wesens immer abwechselnd wiederkehren, sich verbinden und sich abwandeln, weil eben verschiedene prinzipielle Einstellungen des Geistes zur Welt, mannigfache Weltanschauungen und typische Erkenntnisformen möglich sind. Handelt es sich nun hier um eine Veränderung des Standpunktes, des Prinzips der Weltanschauung, oder meint Herrigel eine radikale Wand- *) Verlag von Lambert Schneider, Berlin 1927 29